Archiv der Kategorie: Hagebuttensenf

Ciao, Hagebuttensenf :-)

Immer wieder wollte ich den Faden hier im Blog wieder aufnehmen – es ist mir nicht gelungen. Heute, am 2. April 2017 habe ich meinen Mut zusammengenommen und aufgeräumt. Dabei ist mir klargeworden: Hagebuttensenf ist Vergangenheit. Seit 2012 schon. Auch wenn vieles, was ich damals schrieb, immer noch viel mit mir zu tun hat, auch, wenn es einen roten Faden gibt, auch wenn mich oft noch ähnliche Themen beschäftigen – es ist nicht mehr stimmig, einfach weiterzuschreiben. Mein Blick auf die Welt hat sich verändert. Die Welt auch. Ich auch. Zeit, sich zu verabschieden, ein Schleifchen drumzubinden, dem Blog einen guten Platz im Regal zu geben und etwas Neues anzufangen. Wo und wie genau, weiß ich noch nicht.
Alle Texte, die vielleicht heute etwas anders daherkommen würden, aber hinter denen ich immer noch stehe, bleiben hier zum Stöbern online. Für alle, die Lust dazu haben, und für mich selbst. Ich werde sie nicht umschreiben, aber auch nicht in die Tonne treten.  Alle anderen habe ich verschwinden lassen.
Allen, die hier noch mitlesen: Habt herzlichen Dank fürs Lesen, Folgen, Kommentieren, Mitschwingen, und für all die schönen Begegnungen hier. Im Nachhinein habe ich verstanden: das hier war der Versuch, in einer Zwischenzeit für meine so unterschiedlichen Lebensabschnitte einen roten Faden zu finden und diesen mit der (damaligen) Gegenwart zu verknüpfen. Das ist gelungen. Diese Zwischenzeit ist schon lange vorbei. Deshalb werde ich aufgeräumt neu starten. Wenn ich weiß, wo und wie, und falls das im Netz sein wird, lasse ich es euch hier wissen.
Zum Abschluß hier ein Rückblick mit zeitlosen Musikstücken dazu. So, wie ich es beim Aufräumen in den Entwürfen gefunden habe. So, wie ich 2012 meine Geschichte erzählt hätte. Ciao, und hoffentlich bis bald an anderer Stelle 🙂

1983: http://www.youtube.com/watch?v=KUoaP5zff84
(Bataillon d’Amour – Silly (Tamara Danz)

1984: http://www.youtube.com/watch?v=la-P0c9BgfA&feature=related
(Am Fenster – City)

1985: http://www.youtube.com/watch?v=btLkQJSXQYg
(Schlohweißer Tag – Silly)

1986: http://www.youtube.com/watch?v=8Rz4Haxuc2Y
(Zu früh aufgestandene Wahrheit – Gerhard Schöne)

1987: http://www.youtube.com/watch?v=Vn6B5baMAn0
(Your Friend (Песня о Друге Vladimir Vysotsky)

1988: http://www.youtube.com/watch?v=bzu3tIUcPR0
(Camina Pa Que Te Conozcan – Juan Formell Y Los Van Van)

1989: http://www.youtube.com/watch?v=XcZpp8Lp9Qo
(Abro la ventana – Lhasa de Sela)

1990: http://www.youtube.com/watch?v=m2anTfgvJnM
(Rotterdam – The Beautiful South)

1991: http://www.youtube.com/watch?v=UoDtD3Bwt0A
(Aragon et Castille – Boby Lapointe)

1992: http://www.youtube.com/watch?v=QzeGu8lW71g
(Frau von ungefähr – 17 Hippies)

1993: http://www.youtube.com/watch?v=Vj3pd-a-js8
(Моя цыганская / Moja Tsyganskaja – Vladimir Vysotsky)

1994: http://www.youtube.com/watch?v=z4H_NvhAAnA&feature=related  (Mala Vida – Manu Chao Radio Bemba Sound System)

1995: http://www.youtube.com/watch?v=puc3e83fmBU&feature=related
(Les Copains D’Abord – Georges Brassens)

1996: http://www.youtube.com/watch?v=U-CkDWYUIKM
(A Vava Inouva – Idir)

1997: http://www.youtube.com/watch?v=OkwhkzMwpvE
(No Estamos Lokos – Ketama)

1998: http://www.youtube.com/watch?v=tbY9ZJXdH1w
(Syracuse – Henri Salvador)

1999: http://www.youtube.com/watch?v=rcrVLmRXZGc
(Quien Fuera – Silvio Rodriguez)

2000: http://www.youtube.com/watch?v=7lI-uPV-gz4
(El Toro Y La Luna – Los Centellas)

2001: http://www.youtube.com/watch?v=CpvApi3c8hs&feature=related
(Loin – Mes Souliers Sont Rouges)

2002: http://www.youtube.com/watch?v=y4B1UH7nbsg&feature=related
(El escaramujo – Vocal Sampling)

2003: http://www.youtube.com/watch?v=tG_hDYqdpqs&feature=related (Mar Adentro – Carlos Núñez)

2004: http://www.youtube.com/watch?v=fOr0uGHkgU0
(A fish on land – Lhasa de Sela)

2005: http://www.youtube.com/watch?v=IuyPH9v8CVc
(El Otro Finisterre – Carlos Núñez)

2006: http://www.youtube.com/watch?v=adVzzfHu16Q&feature=related (Camariñas – Luz Casal con Luar Na Lubre)

2007: http://www.youtube.com/watch?v=AXmJ77zVdaw
(Mi Unicornio Azul – Silvio Rodriguez)

2008: http://www.youtube.com/watch?v=ka2t4uA8VKA
(La Frontera – Lhasa de Sela)

2009: http://www.youtube.com/watch?v=onAq58mIsNc
(La Marée Haute- Lhasa de Sela)

2010: http://www.youtube.com/watch?v=CpvApi3c8hs&feature=related
(Un son pa’cantar – Vocal Sampling)

2011: http://www.youtube.com/watch?v=9-8RjTcwO6g
(Lontano, Lontano – Vanina Tagini, Gabriel Merlino)

2012: https://www.youtube.com/watch?v=E8Ilr_YtEjs
(Wise Guys – Die Philosoffen)

 

Hund inbegriffen

Angekündigt waren zwei freundliche Hunde als Empfangskomitee. Auf der Homepage der Ferienwohnung, 800 Kilometer weit von zu Hause. Nur einer davon hielt sein Versprechen – und erleichterte die Suche nach dem Vermieter. Der Hund lief uns voraus bis zur Empfangstür. Ruhig, völlig unkompliziert und ohne viel Drumherum zeigte der Vermieter uns das Haus, die Gartenterrassen (hier geht es steil zu) und die Wege, die runter zum Fluss führten. Der Garten: eine Frühlingsblütenpracht aus gelb, violett und rot, Hummelkonzert und vielen geheimnisvollen Pflanzen. Ein Kamingrill, ein großer runder Tisch, Geschirr in einer Kiste unter dem Kamin (jeder Gang in die Wohnung geht bergauf, bergab), bequeme Stühle und die Aussicht auf Tage und Abende im Freien – mit einem wundervollen Blick durch das Tal: auf das Dorf im Norden und den Berg im Westen.

Noch wussten wir nicht, dass die Hündin Taschoune unsere ständige Begleiterin sein würde. Sie hatte nach zwölf gemeinsamen Jahren drei Monate zuvor ihre beste Hundekinderfreundin verloren, die an einem Hirntumor gestorben war. Nun war sie allein, ziemlich traurig und suchte Gesellschaft. Sie lehrte uns Einiges. Den Blick auf den Berg (es ging wohl einfach nur darum, ein- und auszuatmen und den Rest zu vergessen), das Gefühl für den richtigen Moment (der für sie im Knistern von Aluminiumfolie und der Aussicht auf leckeres Essen bestand) und die Erinnerung daran, wie wertvoll angenehme Gesellschaft und Streicheleinheiten sind. Und auch, nicht nachtragend zu sein, wenn bei Tisch nicht das beste Stück abfällt. Die Hündin war eine der großen Überraschungen der Wohnung. Innerhalb weniger Stunden gehörte sie dazu.

Foto: mö
Taschoune. Foto: Peter Möldner, Karlsruhe

Und dann: schnell ein Anruf an die Lieben? Fehlanzeige. Kein Netz fürs Handy. Weit musste man laufen. Einen Kilometer weiter stand ein halber Quadratmeter neben einem Stechginsterbusch für die ganz wichtigen Anrufe zur Verfügung. Am Küchentisch waren zwei winzige Balken Internet per WLAN zu haben. Einen Seufzer weiter wurde das Gute an der Situation schon deutlicher. Nicht permanent erreichbar sein. In einem merkwürdig lebendigen Universum von der Welt abgeschnitten sein. In dieser Gegend ticken die Uhren anders. Entfernungen werden hier wie in Korsika nicht in Kilometern, sondern in Zeit gemessen. Jeder Straßenabschnitt, der ohne Gegenverkehr und ohne Blechschaden zurückgelegt wird, scheint dem Schicksal abgerungen. Freiwillig verzichtet man hier – ganz ohne Verkehrskontrollen – auf waghalsige, womöglich alkoholisierte Nachtfahrten. Hier spricht man nicht sehr viel über Sarkozy – es geht eher um Regen, der schon lange nicht mehr fiel, um ausgetrocknete Flüsse, vertrocknete Olivenhaine, vernichtete Landschaften und um das Überleben schlechthin.
Scheint die Sonne, dominieren Zitronenthymian und Rosmarin die Luft. Das Herz der Menschen aus feuchten Regionen lechzt nach dem langen Winter nach Sonne, Wärme, Mittelmeerdüften. Doch der Wunsch nach Wasser der Leute von hier und das Wissen um die Wirkung jeder Dusche liegen ebenso in der Luft. Und damit auch ein Hauch von Dankbarkeit, dass Wetter an sich nicht von Amazon mit dem Postauto geliefert wird.
Der Sternenhimmel abends zählt zu den Dingen, die mit keiner Kreditkarte zu bezahlen sind. Käuzchenrufe und geahntes Wildschweingrunzen inbegriffen. Später dann Stille. S t i l l e. Wundervolle Stille. Kaum wagen wir es, Musik aus der Konserve anzuschalten. Nur das Akkordeon und die leise Gitarre der Nachbarn vom Haus oberhalb der Straße durchbrechen diese Stille. Ich hatte fast vergessen, wie mitteilsam wirkliche Stille sein kann. Wie seltsam: je weiter die Zivilisation, desto näher ist das Universum.

Wenige Stunden später dann der Wetterumschwung. Wir überlegen, ob die Rolle der Regenkobolde für uns geschrieben wurde. Die Temperaturen fallen stündlich, ein leichter Nieselregen setzt ein im Nebental. Noch wissen wir es nicht genau, aber es riecht nach frisch gemähtem Gras. Am nächsten Morgen ist der Nieselregen auch bei uns im Tal angekommen. Langsam wird er stärker. Wir flüchten ans Meer, doch es nützt nicht viel. Die Nachtfahrt zurück wird zum Kopfkino, was in diesen Gegenden und auf diesen Straßen geschieht, wenn so ein Regen andauert. Die Wohnung mit dem knisternden Feuer wird zu dem, wozu sie ursprünglich gedacht war – einem Zufluchtsort. Einer Heimat auf Zeit. Einem Sehnsuchtsort. Fragezeichen in den Flammen, welche ihrerseits alle überflüssigen Hirnfürze durch den Kamin jagen. Wir verstehen J.K. Rowling, die ausgerechnet Kamine fürs Reisen mit Flohpulver wählte. Das hier ist eine Oase, obwohl wir weder in der Wüste sind noch auf Kamelen reisen. Wir trinken einfach nur Rotwein aus der Gegend und schauen zu, wie sich Holzscheite in Asche verwandeln.

Wie mögen wohl Menschen, die hier groß werden, die Welt erfahren? Wir wissen es nicht genau. Eines aber ist sicher: sie erfahren sie anders als Menschen, die im flachen Land und / oder in der Stadt aufwachsen.

Vier Tage in dieser Gegend vergehen viel zu schnell und fühlen sich an wie ein Monat. Eine andere Welt. Mitten in Europa.

Neue Plätze können zu Sehnsuchtsorten werden. Hund inbegriffen.

Spurensuche

am Ufer unter mir
ein Steg – der Fluss trägt immer
Wasser ins Meer.

Über Bohnen und Löcher in Jackentaschen

Eben las ich eine wundervolle Geschichte. Nein, sie war mir nicht ganz neu – ich hatte sie schon einmal gelesen und mich darüber gefreut. Doch es ist ja so ein Phänomen, dass die kleinen und einfachen Dinge ganz leicht aus dem Gedächtnis herausfallen – wie eine Münze durch ein Loch in der Jackentasche.

Hier ist die Geschichte – ich weiss nicht, wer der Autor ist, wenn es denn überhaupt einen gibt… Wer das weiss, bitte melden, dann füge ich gern die Quelle und / oder einen Link den Namen ein. Gefunden wurde die Geschichte hier (danke an Lise – und hier gibts noch mehr Schönes zu entdecken).

Es war einmal eine sehr alte Frau, die glücklich und zufrieden lebte. Viele Menschen beneideten sie, weil sie eine echte Lebenskünstlerin war.
Die alte Frau verließ niemals ihr Haus ohne eine Handvoll getrocknete,
rote Bohnen mitzunehmen. Sie tat dies nicht etwa, um die Bohnen zu kauen, nein, sie steckte sie einfach in die rechte Tasche ihrer Jacke. Jedes Mal, wenn sie tagsüber etwas Schönes erlebte – den Sonnenaufgang, das Lachen eines Kindes, eine kurze Begegnung, ein gutes Mahl, einen schattigen Platz in der Mittagshitze nahm sie dies ganz bewusst wahr, freute sich darüber von Herzen und ließ eine Bohne von der rechten Tasche in die linke gleiten. War das Erlebnis besonders schön und gar überraschend, wechselten zwei oder drei Bohnen die Seite. Abends saß die alte Frau dann zu Hause und zählte die Bohnen aus der Tasche. Sie zelebrierte dies geradezu und führte sich so vor Augen, wie viel Schönes ihr an diesem Tag widerfahren war. Und auch an einem Abend, an dem sie bloß eine Bohne zählen konnte, war der vergangene Tag ein gelungener Tag – es hatte sich zu leben gelohnt.

Bohnen für die Jackentasche

Bohnen für die Jackentasche (Foto: AM)

Ich finde das sehr nachahmenswert. Nur scheint es mir auch sinnvoll, sich vorher um die Löcher in den Jackentaschen zu kümmern. Mir fällt genau das oft sehr schwer. Die Bohnen gleiten von rechts nach links, und dann gleich rein ins Loch. Oft kann ich mich schon abends nicht mehr daran erinnern. Irgendwohin verschwinden die kleinen Erinnerungen.
Mir ging eben auf, dass es wenig nützt, im türkischen Supermarkt günstig zehn Kilo Bohnen zu kaufen. Ich werde mich besser um die Löcher kümmern. Meine Mutter hatte doch Recht. Manchmal ist es hilfreich, Nadel und Faden zur Hand zu haben.

Allen Lesern wünsche ich schöne Weihnachten – und wem es so geht wie mir, dem wünsche ich dazu eine heiße Nadel und einen langen Faden – für einen löcherfreien Start ins neue Jahr – mit Aufbrüchen statt Vorsätzen.

Manchmal…

Manchmal triffst du
einen Menschen
Auge in Auge,
der dich nicht
liegen läßt.
Wenn er ruft:
„Steh auf!“
kannst du nicht anders.
Du stehst auf
auch wenn du
liegenbleiben willst,
müde und tot.
Seine Stimme geht dir
unter die Haut,
läßt dich tanzen,
hebt dich in die Luft,
auch wenn du fliehen willst,
voll Angst und Furcht.
Seine Nähe
gibt dir Vertrauen.
Lauf,
wenn du ihn triffst!
Du läufst ihm
mitten in die Arme.

W. Bruners

Das Leben der Worte

Zuerst möchte ich zu einem kleinen Experiment anregen, das der eine oder andere vielleicht aus eigener Erfahrung kennt. Nimm ein Wort, ein beliebiges, und wiederhole es fünf Minuten lang – laut oder leise. Nimm Tempo auf, es muss schnell hintereinander sein. Noch eine Warnung: es sollte ein unschuldiges Wort sein, das keine große Bedeutung hat für dich. Es mag „Papier“ sein, oder „Mineralsalze“ oder „Diät“, „Laptop“, „Lampe“, „Zeitung“ oder „Wasserglas“, „Kopfsteinpflaster“  oder „Diagramm“.

Mir passierte dieses Experiment einmal unfreiwillig in einer Prüfung vor langer Zeit – der Prüfer stellte eine Frage, doch ich hatte nur noch das letzte Wort der Frage im Ohr. Es hallte und hallte und hallte, immer wieder nur dieses eine Wort, ich musste es wiederholen, in einer Blockade gefangen, bis jeglicher Sinn verschwunden war. So geht das im Negativen.

Irgendwann dieser Tage fiel mir in diesem Zustand von Halbschlaf, kurz vor dem Aufwachen auf, dass Worte, wenn wir immer die gleichen lesen und verwenden, ihre Substanz verlieren. Ihre Lebenskraft, ihren Saft, das, was die Spanier „sabor“ nennen. Sie werden fade, sperrig, magern ab und verhungern schließlich, wenn sie keine Nahrung bekommen. Was aber können wir Worten als Nahrung anbieten? Können wir verhungerte Worte wieder zum Leben erwecken?

Ich glaube, dass es geht. Mit gelebtem und gefühltem Leben. Nur so können wir sie nähren. Wir müssen das Leben hinter den Worten suchen gehen und finden in der Welt draußen. Und dann ist es manchmal sogar so, dass wir einen Text, den wir schon hundertmal gelesen haben, wieder entdecken und die Worte plötzlich Fleisch an die Knochen bekommen, füllig werden und rosig, aufblühen und in voller Bedeutung strahlen. Hier ein paar Beispiele: verwandeln, Hagebutte, Begeisterung, Inspiration, Bewegung, Garten, Boden, Draht, Mitteilung, Brief, Entwicklung, Rose, Ozean, Duft, Liebe.

Das geht aber auch umgekehrt: manche Worte begleiten uns wie diese Art von Hunden, die einem in südlichen Ländern hinterherlaufen und die man nicht los wird… Vielleicht geht es darum, ihnen nicht alle hundert Meter ein Leckerli zuzuwerfen… Auch hier ein paar Beispiele: Druck, Anspannung, Stuttgart 21, Agenda, Krise, Mangel, fremd, Intoleranz, falsch, richtig, dumm, Unterschicht.

Vielleicht ist es möglich, diesen Worten die Nahrung zu entziehen. Aber wie geht das? Sie nicht mehr leben? Aber wie? Aufregen darüber hilft wohl wenig…

So mag ich also anregen (mich und vielleicht auch andere): Worte, die uns auffallen, aufregen, anregen, berühren, alle diese auf einen Zettel zu schreiben und diese Zettel in zwei Kisten zu verteilen. Die eine mit der Aufschrift: „Nähren“, die andere mit der Aufschrift „Wiederholen“ (wie im obigen Experiment).

Jeder wird für sich entscheiden müssen, welcher Zettel wohin gehört….

 

Ich schreibe wie…

Heute vormittag schickte eine Freundin mir einen Link, auf der man seinen Schreibstil testen bzw. vergleichen kann. Man gebe Briefe, E-Mails, Blogeinträge, Artikel, Tagebucheinträge oder sonst etwas selbst Geschriebenes ein, und schwupps, diagnostiziert eine Maschine, wessen Stil das ist. Je länger, desto zuverlässiger, verspricht die Seite.

Das wollte ich natürlich gleich ausprobieren – zuerst mit ein paar kürzlich versandten Mails. Gleich bei der ersten erschrak ich sehr: Friedrich Nietzsche. Aha. Eine andere Mail an den gleichen Empfänger: Goethe. Oho! Später dann an andere Empfänger, auch geschäftlicher Natur: Theodor Fontane, Alexa Hennig von Lange, Peter Handke und… Charlotte Roche. Ui! Mit den Blogeinträgen und einem Märchen probierte ich es auch: Das war dann „wie“ Sibylle Berg“, Hegel und Thomas Bernhard.
Man ahnt es schon: Jeder Text war geschrieben „wie …“ und ich bekam langsam das Gefühl, dass es mich gar nicht mehr gibt… Immerhin warf mir die Maschine nicht vor, es gäbe gar keinen Stil.

Im Grunde hat mich die Übung recht amüsiert, zumal unter jedem Ergebnis dann auch eine Auswahl von Veröffentlichungen des jeweiligen Autors zu finden ist (soll das eine versteckte Bildungsinitiative sein?).  Doch was ich dann richtig gruselig fand, ist das Zertifikat, das man am Ende – zum Beispiel einer Geschäftsmail – ausdrucken und dann damit „werben“ kann.  Vielleicht sehen wir demnächst Signaturen wie: „Ich twittere wie Sigmund Freud“ – oder so.

P.S. Dieser Artikel ist geschrieben wie Rainald Götz. Mit und ohne Stichwort „Sigmund Freud“. Auf manche Dinge kann man sich eben verlassen.