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Hund inbegriffen

Angekündigt waren zwei freundliche Hunde als Empfangskomitee. Auf der Homepage der Ferienwohnung, 800 Kilometer weit von zu Hause. Nur einer davon hielt sein Versprechen – und erleichterte die Suche nach dem Vermieter. Der Hund lief uns voraus bis zur Empfangstür. Ruhig, völlig unkompliziert und ohne viel Drumherum zeigte der Vermieter uns das Haus, die Gartenterrassen (hier geht es steil zu) und die Wege, die runter zum Fluss führten. Der Garten: eine Frühlingsblütenpracht aus gelb, violett und rot, Hummelkonzert und vielen geheimnisvollen Pflanzen. Ein Kamingrill, ein großer runder Tisch, Geschirr in einer Kiste unter dem Kamin (jeder Gang in die Wohnung geht bergauf, bergab), bequeme Stühle und die Aussicht auf Tage und Abende im Freien – mit einem wundervollen Blick durch das Tal: auf das Dorf im Norden und den Berg im Westen.

Noch wussten wir nicht, dass die Hündin Taschoune unsere ständige Begleiterin sein würde. Sie hatte nach zwölf gemeinsamen Jahren drei Monate zuvor ihre beste Hundekinderfreundin verloren, die an einem Hirntumor gestorben war. Nun war sie allein, ziemlich traurig und suchte Gesellschaft. Sie lehrte uns Einiges. Den Blick auf den Berg (es ging wohl einfach nur darum, ein- und auszuatmen und den Rest zu vergessen), das Gefühl für den richtigen Moment (der für sie im Knistern von Aluminiumfolie und der Aussicht auf leckeres Essen bestand) und die Erinnerung daran, wie wertvoll angenehme Gesellschaft und Streicheleinheiten sind. Und auch, nicht nachtragend zu sein, wenn bei Tisch nicht das beste Stück abfällt. Die Hündin war eine der großen Überraschungen der Wohnung. Innerhalb weniger Stunden gehörte sie dazu.

Foto: mö
Taschoune. Foto: Peter Möldner, Karlsruhe

Und dann: schnell ein Anruf an die Lieben? Fehlanzeige. Kein Netz fürs Handy. Weit musste man laufen. Einen Kilometer weiter stand ein halber Quadratmeter neben einem Stechginsterbusch für die ganz wichtigen Anrufe zur Verfügung. Am Küchentisch waren zwei winzige Balken Internet per WLAN zu haben. Einen Seufzer weiter wurde das Gute an der Situation schon deutlicher. Nicht permanent erreichbar sein. In einem merkwürdig lebendigen Universum von der Welt abgeschnitten sein. In dieser Gegend ticken die Uhren anders. Entfernungen werden hier wie in Korsika nicht in Kilometern, sondern in Zeit gemessen. Jeder Straßenabschnitt, der ohne Gegenverkehr und ohne Blechschaden zurückgelegt wird, scheint dem Schicksal abgerungen. Freiwillig verzichtet man hier – ganz ohne Verkehrskontrollen – auf waghalsige, womöglich alkoholisierte Nachtfahrten. Hier spricht man nicht sehr viel über Sarkozy – es geht eher um Regen, der schon lange nicht mehr fiel, um ausgetrocknete Flüsse, vertrocknete Olivenhaine, vernichtete Landschaften und um das Überleben schlechthin.
Scheint die Sonne, dominieren Zitronenthymian und Rosmarin die Luft. Das Herz der Menschen aus feuchten Regionen lechzt nach dem langen Winter nach Sonne, Wärme, Mittelmeerdüften. Doch der Wunsch nach Wasser der Leute von hier und das Wissen um die Wirkung jeder Dusche liegen ebenso in der Luft. Und damit auch ein Hauch von Dankbarkeit, dass Wetter an sich nicht von Amazon mit dem Postauto geliefert wird.
Der Sternenhimmel abends zählt zu den Dingen, die mit keiner Kreditkarte zu bezahlen sind. Käuzchenrufe und geahntes Wildschweingrunzen inbegriffen. Später dann Stille. S t i l l e. Wundervolle Stille. Kaum wagen wir es, Musik aus der Konserve anzuschalten. Nur das Akkordeon und die leise Gitarre der Nachbarn vom Haus oberhalb der Straße durchbrechen diese Stille. Ich hatte fast vergessen, wie mitteilsam wirkliche Stille sein kann. Wie seltsam: je weiter die Zivilisation, desto näher ist das Universum.

Wenige Stunden später dann der Wetterumschwung. Wir überlegen, ob die Rolle der Regenkobolde für uns geschrieben wurde. Die Temperaturen fallen stündlich, ein leichter Nieselregen setzt ein im Nebental. Noch wissen wir es nicht genau, aber es riecht nach frisch gemähtem Gras. Am nächsten Morgen ist der Nieselregen auch bei uns im Tal angekommen. Langsam wird er stärker. Wir flüchten ans Meer, doch es nützt nicht viel. Die Nachtfahrt zurück wird zum Kopfkino, was in diesen Gegenden und auf diesen Straßen geschieht, wenn so ein Regen andauert. Die Wohnung mit dem knisternden Feuer wird zu dem, wozu sie ursprünglich gedacht war – einem Zufluchtsort. Einer Heimat auf Zeit. Einem Sehnsuchtsort. Fragezeichen in den Flammen, welche ihrerseits alle überflüssigen Hirnfürze durch den Kamin jagen. Wir verstehen J.K. Rowling, die ausgerechnet Kamine fürs Reisen mit Flohpulver wählte. Das hier ist eine Oase, obwohl wir weder in der Wüste sind noch auf Kamelen reisen. Wir trinken einfach nur Rotwein aus der Gegend und schauen zu, wie sich Holzscheite in Asche verwandeln.

Wie mögen wohl Menschen, die hier groß werden, die Welt erfahren? Wir wissen es nicht genau. Eines aber ist sicher: sie erfahren sie anders als Menschen, die im flachen Land und / oder in der Stadt aufwachsen.

Vier Tage in dieser Gegend vergehen viel zu schnell und fühlen sich an wie ein Monat. Eine andere Welt. Mitten in Europa.

Neue Plätze können zu Sehnsuchtsorten werden. Hund inbegriffen.

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