Archiv der Kategorie: Hagebuttensenf

Tabou, das Zentrum aller Sehnsucht…

Wieder einmal stocherte ich heute nach dem Aufwachen im Nebel, auf der Suche nach Spuren eines Traumes. Ich sinnierte dem Wort „Tabu“ hinterher, bemerkte, dass ich seit Jahren wie eine wilde Kriegerin gegen dieses Wort kämpfe. Am liebsten hätte ich es aus meinem Wortschatz gestrichen. Und vor allem das, was sich damit verbindet. Lebenslügen, verdrängte Geschichten, geschönte Vergangenheit, Angst. Und beileibe nicht nur meine eigenen… Ein aussichtsloser Kampf. Dass manchmal ein Buchstabe den Unterschied machen kann, um einen Kampf zu beenden, das habe ich heute lesend erfahren. Mein Blick fiel auf das Bücherregal neben dem Bett, in dem seit Jahren ein ungelesenes Buch steht. Texte von Christa Wolf, unter dem Titel „Auf dem Weg nach Tabou“ herausgegeben.

Mit diesen Texten konnte ich lange Zeit nicht viel anfangen. Ich weiß nicht einmal genau, warum. Versuche der Erklärung, chronologisch: Die Texte waren mir zu düster. Zu traurig. Nicht erträglich. Zu kompliziert geschrieben. Zu sehr unterschied sich meine Lebenswirklichkeit von dem, was sie in ihren Texten beschreibt. Viele „zu“, die alle ein Körnchen Wahrheit beinhalten, und alle genau so wenig zutreffen. So wie Christa Wolf Paul Parins Buch von den „Teufeln im Land“ gelesen hat, habe ich auch ihre Texte bisher gelesen: „flüchtig, flüchtend, gewärtig, dass aus den Schilderungen (…) jederzeit ‚das Grauen‘ hervorbrechen konnte“. An die zweite Lektüre hatte ich mich bisher nicht gewagt: „gewappnet, mit dem Stift, den Erinnerungs- und Assoziationsmustern folgend“. Heute scheint mir, dieses Buch habe auf mich gewartet. Auf einen Tag, an dem plötzlich genug Mut da ist, Zeilen von jemandem zu lesen, der gegen das Vergessen schreibt, schonungslos, aufrichtig. Und der mit dieser Art zu schreiben einen Spiegel vorhält.Wie war es wirklich für mich in jenen Tagen des Übergangs, der heute „Wende“ genannt wird? Wie war es wirklich für mich davor? Und danach? Werde ich es jemals fassen können? Wie auch Christa Wolf habe ich gelernt, meinem Gedächtnis zu misstrauen. In diesem Buch fand ich heute Fragen, die ich bisher nur gefühlt hatte, sie noch nicht formulieren konnte, zum Beispiel diese: „Wie kommt es, daß, je näher man an ‚die Wahrheit‘, das heißt, an sich selber, die multiplen Wesen in sich und besonders jenes Wesen herangeht, mit dem man sich am wenigsten identifizieren möchte: Wie kommt es, frage ich, daß sich in den Text, der sich auf die Spur dieses Wesens und seiner Wahrheit begibt, auf dem Weg vom Kopf über die Hand bis aufs Papier immer ein Hauch von Unaufrichtigkeit einschleicht?“ Und sobald die Frage formuliert ist, beginnen schon Ahnungen einer Antwort zu entstehen. Doch noch bevor sich die Worte formieren, beginne ich zu verstehen, dass ich eine definitive Antwort, in Worte gegossen, scheue. Und ich beginne zu verstehen, welch ungeheuren Mut es erfordert, sich wie Christa Wolf dieser unbedingten Aufrichtigkeit zu verpflichten, sie in Worte zu gießen, die Worte fremden Blicken auszusetzen  und gleichzeitig  diesen immer mitschwingenden Hauch der Unaufrichtigkeit auszuhalten. Manchmal entziehen sich die Worte einfach dem Fluss des Lebens. Worte fixieren dann Gegenwart, das Präsens, die Präsenz. Und schon sind sie Vergangenheit. Und schon widersprechen sie der Aufrichtigkeit, die an die Gegenwart gebunden ist. Die eigene Wahrheit ist permanenten Änderungen unterworfen – sie kann in jedem Augenblick anders sein. Vielleicht fühlen sich deshalb manche eigenen Texte so unaufrichtig an…

Christa Wolf selbst schreibt in ihrem Buch „Was bleibt“: „…da einem ja, wenn man nichts fühlt, alle Wörter frei zur Verfügung stehn.“ Man kann alles sagen, wenn man nichts fühlt. Ein mit Christa Wolf befreundeter Autor, Efim Etkind, schrieb dazu: „Je mehr man sagen könnte und je tiefer die Gefühle sind, desto weniger kann man ausdrücken, desto weniger Worte stehen uns zur Verfügung.“ Vielleicht ist auch dies ein Ansatz für eine Antwort auf die Frage nach der Aufrichtigkeit. Denn man versucht es dennoch, obwohl so wenige Worte noch zur Verfügung stehen.

In ihrer Laudatio für Paul Parin fand ich dies: „Tabou, ein Ort, den es nicht gibt, dessen Name immer wieder aufleuchtet, lockend, verführend, bis sie sich aufmachen müssen, ihn zu suchen; ein Ort, den man, wie billig, nur unter äußerster Anstrengung aller körperlichen und geistigen Kräfte erreichen kann. Den man ‚vergessen‘ muss, damit er einem endlich ‚entgegenkommt’…“

So ist es mit allen Sehnsuchtszielen, ob es sich um einen Ort handelt, die Aufrichtigkeit beim Schreiben oder bei der Arbeit die Straße, über die Beppo Straßenfeger in Michael Endes „Momo“ spricht. Man muss es vergessen, damit es einem entgegen kommt. Auch ein Tabu ohne „o“ gehört zu diesen Dingen. Wenn man gegen etwas kämpft, kann man es nicht vergessen. Und somit auch nicht erreichen… Hat man es aber erreicht, passiert dies, wie jeder, der einmal ein Sehnsuchtsziel erreicht hat, weiß:

„Und auch das gehört zu den Eigenheiten endlich erreichter Sehnsuchtsziele, zu den Gesetzen von Utopia: Was der Reisende  dort erfährt, ist eigentlich nichts ganz Besonderes, ’nur‘ das gesteigerte Normale, das konzentriert Menschliche, ein ‚Licht‘, das die Zukunft, die dunkle Wolkenwand, die heraufzieht, von fern her erleuchtet.“  Nein, dieses Licht ist nicht an die afrikanische Stadt Tabou, an keine Stadt und keinen Kontinent gebunden, es kann immer und überall auftauchen, wenn ein Sehnsuchtsziel erreicht ist. Die nächste Wolkenwand kommt bestimmt. Und dann ist es gut, dieses Licht gesehen und dabei zu haben…

Werbeanzeigen

Ultimo Tango en Buenos Aires

Kurz vor 00.00 Uhr waren am 4. November 2009 die letzten Noten verklungen. Karlsruhe hatte auf der Bühne im Café Havanna einen der ganz Großen des argentinischen Tangos erlebt. Leidenschaftlich, virtuos, anrührend – das Publikum immer hin- und hergerissen zwischen Lachen, Weinen und Nostalgie. Ein anrührendes Detail war seine Teetasse – die von liebevollen Begleitern hin und wieder aufgefüllt wurde. Es war Tee gegen die Novemberkälte, der in einer Flasche aufbewahrt wurde, hellbraun und nach Sonne und Süden duftend. Im Kontakt mit der Stimme und den Noten verwandelte er sich in Wärme und Feuer und leidenschaftliche Schwermut – für ihn und für das Publikum.  Kurz vor 00.00 Uhr sammelten sich einige Fans in einem Nebenraum, um ihm zu seinem 62. Geburtstag zu gratulieren – mit Ständchen und vielen persönlichen Wünschen. Dort saß nicht mehr der Star von der Bühne, hier saß einfach ein Mensch, der in manchen Augenblicken müde wirkte, erschöpft, fast ein wenig verloren und zerbrechlich. Ich hatte den Eindruck, er habe uns seine ganze Leidenschaft auf der Bühne geschenkt und sich leergesungen und -gespielt. Wir wussten nicht, dass er sehr krank war. Aber es war zu spüren.

Rubén Juarez wird mit seinem weißen Bandoneon nicht wieder nach Karlsruhe kommen. Er wird nicht mehr in Deutschland auftreten und auch nicht mehr in Buenos Aires. Heute morgen erreichte mich die Nachricht, dass er seiner Krebskrankheit gestern erlegen ist. Von Buenos Aires hatte er sich schon vorher verabschiedet. Ich hoffe, er konnte es so schön auch mit seinen Lieben tun.

Das Zebra hat schwarze Streifen, damit man die weißen besser sieht (Teil 2)

„…und zum ersten Mal frage ich mich, ob ich mich vielleicht deshalb nicht selbst formen konnte, weil es kein Gegenstueck zu mir gibt, jemanden, der ganz anders ist als ich in seinem Wesen und der mich doch erkennt als einen Teil von sich. Zum ersten Mal frage ich mich das, und auch, ob die Dinge einfach immer so weiterlaufen wie bisher, oder ob nicht alles bald ganz anders wird, als es schon immer war, und ob die Dinge aussehen wie immer, aber trotzdem nicht mehr dieselben sind, und ich zufaelligerweise die Erste bin, die das weiss.“ (Olympia in: „Das Zebra hat schwarze Streifen, damit man  die weißen besser sieht“. Roman von Johanna Straub).

Das fragte sich Olympia mit ihren höchstens 16 Jahren… Und manchmal scheint es auch mir, als ob die Dinge aussehen wie immer, aber trotzdem nicht mehr dieselben sind.

Denn manchmal gibt es so Tage, an denen einfach das Herz überläuft. An denen die Dinge nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Herz sichtbar werden. Das sind Tage, an denen es nicht mehr nötig ist, an Gott zu glauben. Das Göttliche ist dann einfach da. Greifbar, überprüfbar. Nichts ist dann im Grunde anders als vorher, und doch ist alles anders.  Ich nenne das Glück.

Manchmal ist es ein einziger kleiner Satz oder auch nur ein Wort, manchmal ist es ein großes Gefühl, manchmal einfach nur der Gedanke an einen Rosenstock. Manchmal ist es eine Umarmung, manchmal eine Pizza, oder ein Glas Wein, manchmal ein Blick. Manchmal auch eine Bootsfahrt, manchmal ein Lied, manchmal das Meer. Oder noch etwas ganz anderes. Manchmal ist es innen, und da bleibt es dann, und ein andermal traut es sich, hervorzukommen und nach außen zu gehen. In diesen Momenten verschwindet das Bedürfnis nach einem Selbstporträt.

Nicht nur der Teufel scheißt ziemlich oft auf den größten Haufen – auch das Glück fällt oft da hin, wo schon welches ist. Ein guter Grund, sich selbst glücklich zu machen.

 

Das Zebra hat schwarze Streifen, damit man die weißen besser sieht

Olympia, sie kann vielleicht zwölf Jahre alt sein, oder auch zehn, oder auch sechzehn, hat aus Knete ihre Eltern und ihre Großeltern geformt. Nur sich selbst hat sie nicht hinbekommen. Wir schreiben nach meinen ungefähren Berechnungen das Jahr 2050.

„Nur ich fehle. Mich selbst so zu formen, dass andere mich erkennen koennen, das waere die groesste Herausforderung gewesen. Das konnte ich in dem Moment nicht mehr tun. Ich werde das vielleicht nachholen, im neuen Jahr.“ (Olympia in: „Das Zebra hat schwarze Streifen, damit man  die weißen besser sieht“. Roman von Johanna Straub)

Vielleicht kennt jemand von denen, die mich hier lesen, diese Herausforderung. Das Selbstporträt… und der Wunsch, dass andere uns darin erkennen? Wenn wir auf die Welt kommen, denken wir noch nicht an ein Selbstporträt, aber wir tragen die berechtigte Hoffnung in uns, dass man uns erkennen möge, einfach so. Allen voran natürlich unsere Eltern, unsere Großeltern, unsere Geschwister, dann unsere Freunde und später auch die anderen – Arbeitskollegen, Reisebegleiter, Fremde. Manchmal passiert das auch, doch dieses Glück erfahren die meisten von uns nur sehr selten. Meist ist es so: wenn wir noch gar nicht sprechen und laufen können, glauben wir mit mehr oder weniger Sicherheit, dass wir uns selbst (ver)formen müssen, damit andere uns erkennen. Und wir formen und formen und verformen… und die anderen erkennen uns immer weniger. Anstatt uns zu erkennen, formen sie uns. Vielleicht auch deshalb, weil es auch ihnen nicht gelungen ist, sich selbst zu formen und erkannt zu werden…

„Wie unendlich viel mehr die Eltern über ihre Kinder zu wissen glauben. Wie es sich dann umkehrt. Wie an diesem bestimmten Punkt die Eltern plötzlich gar nichts mehr wissen.“, sinniert Lee, Olympias Mutter, kurz vor deren Geburt. „Wenn die Eltern nichts mehr wissen, erzählen die Kinder (die Schlaufe) zurück. Es ist merkwürdig, dass das Wissen, das wir von den anderen haben, an einem bestimmten Punkt stehen bleibt. Wenn wir ein Bild haben, dann ist es fixiert in alle Ewigkeit, es sei denn, es passiert irgendwas, das alles verändert und uns eines Besseren belehrt.“

Wenn so etwas nicht passiert, dann bleiben die Bilder stehen. Dann ist allen Beteiligten das Formen gelungen. Und uns selbst das (Ver)formen. Manchmal sieht man solche Bilder auf der Straße, im Netz, im Bekanntenkreis, auf der Arbeit. Fixiert in alle Ewigkeit – nur die Haut verändert sich, das Haar wird dünner, und manchmal die Luft ganz oben auch. Herz und Hirn bekommen immer weniger Sauerstoff ab. Manchmal wohnen diese Bilder auch ganz in unserer Nähe und teilen sogar unsere Betten. Manchmal glauben wir zu wissen, wer sie sind, wer wir sind und manchmal bekommt davon alles einen bitteren Geschmack und schwarze Streifen. Manchmal möchten wir die schwarzen Streifen einfach wegradieren. Sie sind einfach zu schwarz. Erzählt uns dann jemand, dass Gott uns nach seinem Ebenbild geformt hat, lachen wir. Hin und wieder aber kann es sein, dass einem so ein Lachen in der Kehle stecken bleibt. Dann  meldet sich etwas zu Wort, das nicht mehr im Bild bleiben möchte…

Duschlampe

Heute abend bekam ich eine Mail von meinem hoch geschätzten Leser M., der mich hin und wieder mit seinen wundervollen Pferde-Entdeckungen versorgt, die ich jedoch aus den verschiedensten Gründen leider nicht alle hier veröffentlichen kann und darf und mag. Seine letzte Mail also begann mit folgendem Wortlaut: “ Hier hab ich noch ein Blumentopferd für Deine Sammlung! Duschlampe.“

Ich war gerade richtig gut in Form, als ich die Mail erhielt, und so dauerte es nur einen Bruchteil einer Schrecksekunde, bis ich anfing zu lachen. Wie der Smiley für den Heiligenschein noch gleich war, nach dem er mich fragte, hatte ich dann auch vergessen.

Sowas brauch ich unbedingt für mein Badezimmer! Demnächst werde ich an einer Formulierung für eine Anfrage bei Ikea feilen. Die könnte ungefähr so gehen:

„Auf Sauberkeit bin ich erpicht
ich bin so schmutzig, seh mich nicht,
schrubbte mich gern unter der Wampe
Achje! Wie schön wär’s mit… Duschlampe!

Im Bad, so sprach er, werde Licht –
es ist zu nass, es zündet nicht
Im Dunkeln fällt er in die Pampe,
Und schreit: ’s tät flutschen mit… Duschlampe!

Oh, kämst du doch ins Bad bald rein
ich wüßt‘ zu schätzen den heilig‘ Schein!
Huldigte jeden Tag auf meiner Rampe
auf Knien deinem Licht, Duschlampe!“

Oder so ähnlich…

Einlassen auf das Gewicht der Welt. Teil 2: Kuba

„Das Betrachten so lange aushalten, das Meinen so lange aufschieben, bis sich die Schwerkraft eines Lebensgefühls ergibt.“ Dieses Zitat von Peter Handke (Das Gewicht der Welt)  schrieb mir meine Freundin in meine Geburtstagskarte, die ich nach meiner Reise im Poststapel fand.

Ob sie es vorher wusste, dass ich mit diesem Vorsatz nach und durch Kuba gereist bin?

Alle sagen, in Kuba ist es heiß, scheint die Sonne, herrscht Armut und Lebensfreude. Doch mir schien es schon lange klüger, sich auf nichts wirklich zu verlassen, was man vorher so gehört oder gelernt hatte. Alles in diesem Land ist für Überraschungen gut. 2010 war der Jahrhundertwinter, die Anzahl der statistisch angegebenen Regentage stieg um gefühlte 300 %, dafür fielen die Temperaturen um gefühlte 50%. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, diese Zahlen nachzuprüfen. Wir froren nachts – denn niemand besitzt hier eine Heizung. Viele Räume haben nicht einmal Fensterscheiben und bei der unschuldigen Frage nach einer Decke entwickelte ich eine Ahnung davon, was Aron Ronald Bodenheimer mit der Obszönität des Fragens gemeint haben muss.  Denn diese Frage brachte meist einfach Schweigen ein. Denn, wie ich später von Eingeweihten erfuhr, es bringt die Menschen in die Verlegenheit, sagen zu müssen, dass es einfach im Moment keine gibt auf Kuba. Plötzlich schwant einem, dass die Vermieter womöglich selbst frieren und spätestens ab da verzichtet man dann lieber auf die Frage…und nimmt das unwahrscheinliche Risiko in Kauf, dass vielleicht doch noch irgendwo eine ungenutzt herumliegt. Die Menschen sind wahre Überlebenskünstler und müssen es sein, und doch braucht es Vertrauen und etwas Geduld, als Tourist mehr darüber zu erfahren als in den meisten Reiseprogrammen vorgesehen. Musik und Lebensfreude begegnet einem tatsächlich überall auf der Straße, anders als hier in Deutschland, und doch: immer wird sie auch verkauft. Musik wird hier nicht gespielt, sondern gelebt, und doch: Musik ist hier einer der wichtigsten Wirtschaftszweige. Ein einträgliches Geschäft. Für wen, kann man nicht immer so ganz genau sagen. Viel mehr noch als in Deutschland durchzieht Geld alles im Alltag. Denn Geld ist erst einmal das, was den meisten hier am meisten fehlt. Und wie sehr, davon macht man sich hier, trotz Hartz-IV vor der Nase, keine Vorstellung. Manche Menschen dort leben von Jobs, die es hier vielleicht gar nicht mehr gibt. Und manche leben auch – irgendwie – ohne Jobs, oder von solchen, die man hier nicht als solche bezeichnen würde. Ja, jede direkte Frage kann hier unter Umständen obszön werden – denn die Antwort für die Gefragten ist nicht immer einfach. Und vor allem: Sie kann Dinge enthalten, die nicht einfach so erzählt werden können. Denn unter Umständen kann sich hinter einer scheinbaren Wirklichkeit etwas ganz anderes verbergen – und wer hat schon Lust, sich von Außenstehenden (be-/ver)urteilen zu lassen? Der Blick auf die Oberfläche bringt oft nur Unverständnis ein. Außerdem kann jeder öffentliche Ort Ohren haben, für die die Antwort ganz sicher nicht bestimmt ist… Und das muss man aushalten, eine ganze Weile lang, wenn man in die Tiefe vordringen möchte. Warten können muss man in diesem Land, in dem vieles so schnell zu gehen scheint. Auf einen Bus, vor dem Restaurant, auf eine Antwort. Die kraftvolle Präsenz des Ungesagten wahrnehmen, aushalten, erspüren…  Doch sobald man anfängt zu meinen, reißt der innere Faden zu den Menschen ab. Sie beherrschen die Kunst, sehr nah zu wirken und sich innerlich komplett zurückzuziehen. Um das Herz von Kubanern zu erobern, braucht es sehr viel Fingerspitzengefühl und sehr viel Geduld, auch wenn du „hermano“ (Bruder), oder „amigo“ (Freund) genannt wirst. Die Form ist anders – und doch wird man auch hier beobachtet und Schubladen zugeordnet. Nein sagen zu können ist auch in diesem Land von Vorteil, auch wenn es einem manchmal das Herz zerreisst. Als Ausländer, hat man auch nur ein wenig Geld in der Tasche, scheint es mir noch viel schwieriger, wirkliche, echte Verbindungen zu knüpfen. Denn es kann gut sein, dass die Freundlichkeit aus reinem wirtschaftlichen Interesse erwächst. Ebenso wie die Heiratsanträge und die Komplimente beim Tanzen. Doch natürlich existieren auch die anderen. Menschen, die zwar wissen, dass du Geld hast (auch wenn das vielleicht in einem Land wie Deutschland gar nicht zwangsläufig so ist), aber die dich dennoch als Menschen wahrnehmen. Und die fühlen, was sich hinter der Oberfläche verbirgt. Die ihr Herz öffnen und dann auch wirklich. Und denen du dann auch gerne gibst, was möglich ist.

In keinem Land der Welt war es bisher für mich so schwierig herauszufinden, ob sich jemand für mich als Person oder für mein Geld oder für den Nutzen, den ich bringen kann, interessiert. In keinem Land der Welt war es so schier unmöglich, Menschen in Schubladen zu stecken. Bei allem Hinter-die-Kulissen-Blicken, die eine Reise in private Gefilde mit sich bringt. Und doch, und vielleicht gerade deshalb habe ich mein Herz an dieses Land verloren. Ich fand dort eine bunte, schillernde Welt, voller Emotionen, Herzlichkeit und Überlebenskampf, voller Zwischentöne – und doch fand ich mehr Schwarzweiß dort als anderswo. Auch dort leben Menschen, die trotz aller notwendigen Jagd nach dem Geld ein reines Herz und das rechte Maß für die Dinge bewahrt haben. Doch das ist wohl dort noch schwieriger als anderswo…

...für den nächsten Tag


Sperrmülltermin

Gestern war Sperrmülltermin. Das bedeutet hier in Karlsruhe, dass man zweimal im Jahr sein Zeug auf die Straße stellt und es kostenlos abgeholt wird. Das ist ja nicht überall so. In anderen deutschen Gegenden bekommen Menschen ja Marken, um ihr Zeug loszuwerden (wie nach dem Krieg, um was zu bekommen). Also ein wichtiger Termin, den ich mal wieder verpeilt hatte. Zwar hatte ich aus dem Fenster gesehen und einiges beobachten können: Bekannte und unbekannte Gesichter verweilten längere Zeit vor meinem Haus und debattierten über die Vorzüge dieses kleinen Möbelstücks oder jenes Dinkelspelzkissens (zum Teil auf russisch), nebenbei hielten sie noch einen Schwatz mit Rüdiger, der mit dem Rad vorbeikam und sich nach fünf Minuten freundlichem Gespräch fürchterlich über die Schlampe in seiner Wohnung aufregte…. das alles nahm mich so gefangen, dass ich überhaupt nicht mehr daran dachte, warum plötzlich so viel los war in meiner Strasse. Später am Abend verschwand ich hektisch zum Tanzen, und als ich fröhlich und beschwingt zurück kam, zeigte vor dem Nachbarhaus noch eine junge Frau ihrem Liebsten mit verklärtem Blick ein „süßes Oberteil“ (das dann bei näherem Betrachten doch nicht mehr so süß schien)… Und dann erwartete mich ein Schock: ich sah vor meinem Haus den Rest eines Tisches, der mir bekannt vorkam. Ich hatte ihn nach sechs Monaten Wartezeit im Keller im Oktober 2009 auf die Straße gestellt.

Das Gefühl der Bodenlosigkeit, wie wenn man durch ein Dimensionsloch reist, kenne ich gut. Wie wenn die Zeit entgleitet und aufhört, in der bekannten Form zu existieren. Dies aber war etwas Besonderes. Ich stand mit offenem Mund vor dem Tisch, stammelte irgend etwas vor mich hin und verstand die Welt nicht mehr. Eine gute Ausgangsvoraussetzung, um ein wenig mehr darüber nachzudenken.

„Wenn die Bodenlosigkeit die Hierarchien der Weltordnung und die sie stützenden Weltbilder oder Ideologien einreißt, dann stößt man überall auf etwas, anhand dessen sich philosophieren lässt“, so ist im Klappentext zu Vilém Flussers „Dinge und Undinge“ zu lesen.

Variante 1: die rationale Erklärung für das Phänomen. Nun ja, es ist zumindest eine Vermutung. Jemand aus meinem Haus hatte im Oktober die gleiche Idee wie ich im März letztes Jahr. Dem Tisch eine neue Platte zu verpassen und ihn wieder zu benutzen. Ideen, die sechs Monate später auf dem Sperrmüll landen.

Variante 2:

In Flussers Essai „Flaschen“ gibt es auf die Frage nach dem Schicksal der geleerten Flasche zwei Antworten: entweder sie wird aufgehoben und somit als Vergangenheit angenommen und verehrt, werde somit „bewusste Geschichte“ oder aber sie werde weggeworfen, also „als Vergangenheit verdrängt, und als solche verachtet, es wird der Versuch unternommen, sie aus der Geschichte auszuschalten und in die Natur zu schieben“.  Doch in der Verdrängungsvariante beobachtet man immer wieder, sei es nun bei Flaschen, bei Sperrmüll oder anderen Dingen, dass sie immer wieder – sozusagen rücklings – aus dem Nebel der Vergangenheit auftauchen, wieder entdeckt werden und mitnichten in den Kreislauf der Natur zurückgekehrt sind.

Den nächsten Sperrmülltermin behalte ich im Auge (was da wohl noch so wieder kommt…) und tauche jetzt in „Flaschen“ ab. Da gibt es wohl noch einiges über meinen weggeworfenen Tisch in Erfahrung zu bringen.