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Wenn Massimo geht…

Heute saß ich mit einem lieben Freund in meiner herzallerliebsten Kneipe, die eigentlich seit ein paar Jahren mein verlängertes Wohnzimmer ist, und wir debattierten über Hirnforschung, Lichtfarben, Körperfarben und warum welche Farben am besten zu mir passen würden.  Bis ich dann bei den Gamma-Kurven der Monitore ausstieg und eine Rauchpause brauchte. Als ich wieder reinkam und noch überlegte, ob ich das mit den Gamma-Kurven nun wirklich wissen müsste, sah ich Massimo an unserem Tisch sitzen. Und dachte schon bei den ersten drei Worten, die ich aufschnappte: Nee, bitte nicht. Aber doch. Man klärte mich auf, dass Massimo aufhören würde, und zwar bald. Noch 14 Tage, und dann wird einen Monat lang geschlossen und dann werden zwei mutige Frauen das Zepter übernehmen. Massimo kommt zu seinen Gästen und erklärt ihnen das. Seit 30 Jahren ist er in dieser Kneipe, deren Namen kaum einer kennt. Seinen aber kennt jeder.
Vergessen die Farben, vergessen die Gamma-Kurven. Ich brauchte all meine Kraft, um meine Tränen zurück zu halten. Und doch: wer könnte es nicht verstehen. Mit 37 Jahren übernahm Massimo die Kneipe. Und er hat in 30 Jahren eine Institution draus gemacht. Das ist nicht einfach eine Kneipe. Das ist DIE Kneipe der Karlsruher Weststadt. Jedermann und jederfrau ist gerne dort. Man sieht dort Menschen zwischen 20 und 80, Ärzte, Künstler, Nachbarn, Menschen ohne Alter und ohne Beruf, Theaterbesucher, Schauspieler, Wissenschaftler, Geschäftsleute, Arbeitslose. Eine Szene-Kneipe der besonderen Art. Man konnte nicht definieren, worin die Szene besteht. Aber es gibt sie und alle, die wieder kommen, verbindet irgend etwas. Oder jemand. Das ist Massimo.  Er stand hinter dem Tresen und manchmal bemerkte man ihn kaum. Er aber bemerkte bierzapfend alles aus seinen klugen und lebenslustigen Augen. Über die gesamte Decke waren Angelsehnen gespannt, an denen zuzeiten Kürbisse oder Nikaolausstiefel hingen. Die nahm man meistens erst wahr, wenn nach dem Bezahlen plötzlich von oben ein Stiefel auf dem Tisch landete – mit Süßigkeiten drin. Oder es landete plötzlich eine Horrorfigur, während man gerade der Liebsten in die Augen flirtete.  Massimo hatte die Fäden in der Hand. Er ging sehr verantwortungsvoll damit um: Ich erinnere mich an einen Streit mit dem Herzallerliebsten. Ich saß zwei Stunden mit einem Kloß in der Kehle und verließ dann fluchtartig das Lokal, um nicht in der Öffentlichkeit zu weinen. Beim ersten Besuch danach (mit der gleichen Begleitung), vier Wochen später, fragte mich Massimo, ob es mir besser ginge.
Oder aber der Tag, an dem eine Freundin aus Frankreich da war, die sich in die Biergläser mit Fuß verliebte. Ich dolmetschte ihm dies und fragte ihn, ob er sie verkaufen würde. Massimo fragte auf französisch, ob man sich in Gläser verlieben könne und verschwand. Eine Stunde später kam er mit den hochprofessionell verpackten Gläsern zurück und schenkte sie meiner Freundin.
Mit einigen Freunden war ich zu Gast im Braustüble. Es hätten manchmal auch neue Liebhaber sein können, ohne dass es mir schlecht gegangen wäre – nie machte er einen kompromittierenden Kommentar dazu.
Bei Massimo gab es die zweitbesten Bratkartoffeln der Welt (die besten gibt es nur bei meiner Mama in Torgelow) und den weltbesten überbackenen Schafskäse.
Noch sind zwei Wochen Zeit, mit ihm einen Grappa zu trinken und die einzigartige Atmosphäre zu genießen.
Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Sagt man. Massimo hat sich nie daran gehalten. Sagt er.
Ich werde ihn sehr vermissen, das weiß ich jetzt schon.
Möge es ihm gut gehen in seinem neuen Leben.

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