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Das Zebra hat schwarze Streifen, damit man die weißen besser sieht

Olympia, sie kann vielleicht zwölf Jahre alt sein, oder auch zehn, oder auch sechzehn, hat aus Knete ihre Eltern und ihre Großeltern geformt. Nur sich selbst hat sie nicht hinbekommen. Wir schreiben nach meinen ungefähren Berechnungen das Jahr 2050.

„Nur ich fehle. Mich selbst so zu formen, dass andere mich erkennen koennen, das waere die groesste Herausforderung gewesen. Das konnte ich in dem Moment nicht mehr tun. Ich werde das vielleicht nachholen, im neuen Jahr.“ (Olympia in: „Das Zebra hat schwarze Streifen, damit man  die weißen besser sieht“. Roman von Johanna Straub)

Vielleicht kennt jemand von denen, die mich hier lesen, diese Herausforderung. Das Selbstporträt… und der Wunsch, dass andere uns darin erkennen? Wenn wir auf die Welt kommen, denken wir noch nicht an ein Selbstporträt, aber wir tragen die berechtigte Hoffnung in uns, dass man uns erkennen möge, einfach so. Allen voran natürlich unsere Eltern, unsere Großeltern, unsere Geschwister, dann unsere Freunde und später auch die anderen – Arbeitskollegen, Reisebegleiter, Fremde. Manchmal passiert das auch, doch dieses Glück erfahren die meisten von uns nur sehr selten. Meist ist es so: wenn wir noch gar nicht sprechen und laufen können, glauben wir mit mehr oder weniger Sicherheit, dass wir uns selbst (ver)formen müssen, damit andere uns erkennen. Und wir formen und formen und verformen… und die anderen erkennen uns immer weniger. Anstatt uns zu erkennen, formen sie uns. Vielleicht auch deshalb, weil es auch ihnen nicht gelungen ist, sich selbst zu formen und erkannt zu werden…

„Wie unendlich viel mehr die Eltern über ihre Kinder zu wissen glauben. Wie es sich dann umkehrt. Wie an diesem bestimmten Punkt die Eltern plötzlich gar nichts mehr wissen.“, sinniert Lee, Olympias Mutter, kurz vor deren Geburt. „Wenn die Eltern nichts mehr wissen, erzählen die Kinder (die Schlaufe) zurück. Es ist merkwürdig, dass das Wissen, das wir von den anderen haben, an einem bestimmten Punkt stehen bleibt. Wenn wir ein Bild haben, dann ist es fixiert in alle Ewigkeit, es sei denn, es passiert irgendwas, das alles verändert und uns eines Besseren belehrt.“

Wenn so etwas nicht passiert, dann bleiben die Bilder stehen. Dann ist allen Beteiligten das Formen gelungen. Und uns selbst das (Ver)formen. Manchmal sieht man solche Bilder auf der Straße, im Netz, im Bekanntenkreis, auf der Arbeit. Fixiert in alle Ewigkeit – nur die Haut verändert sich, das Haar wird dünner, und manchmal die Luft ganz oben auch. Herz und Hirn bekommen immer weniger Sauerstoff ab. Manchmal wohnen diese Bilder auch ganz in unserer Nähe und teilen sogar unsere Betten. Manchmal glauben wir zu wissen, wer sie sind, wer wir sind und manchmal bekommt davon alles einen bitteren Geschmack und schwarze Streifen. Manchmal möchten wir die schwarzen Streifen einfach wegradieren. Sie sind einfach zu schwarz. Erzählt uns dann jemand, dass Gott uns nach seinem Ebenbild geformt hat, lachen wir. Hin und wieder aber kann es sein, dass einem so ein Lachen in der Kehle stecken bleibt. Dann  meldet sich etwas zu Wort, das nicht mehr im Bild bleiben möchte…

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