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Sperrmülltermin

Gestern war Sperrmülltermin. Das bedeutet hier in Karlsruhe, dass man zweimal im Jahr sein Zeug auf die Straße stellt und es kostenlos abgeholt wird. Das ist ja nicht überall so. In anderen deutschen Gegenden bekommen Menschen ja Marken, um ihr Zeug loszuwerden (wie nach dem Krieg, um was zu bekommen). Also ein wichtiger Termin, den ich mal wieder verpeilt hatte. Zwar hatte ich aus dem Fenster gesehen und einiges beobachten können: Bekannte und unbekannte Gesichter verweilten längere Zeit vor meinem Haus und debattierten über die Vorzüge dieses kleinen Möbelstücks oder jenes Dinkelspelzkissens (zum Teil auf russisch), nebenbei hielten sie noch einen Schwatz mit Rüdiger, der mit dem Rad vorbeikam und sich nach fünf Minuten freundlichem Gespräch fürchterlich über die Schlampe in seiner Wohnung aufregte…. das alles nahm mich so gefangen, dass ich überhaupt nicht mehr daran dachte, warum plötzlich so viel los war in meiner Strasse. Später am Abend verschwand ich hektisch zum Tanzen, und als ich fröhlich und beschwingt zurück kam, zeigte vor dem Nachbarhaus noch eine junge Frau ihrem Liebsten mit verklärtem Blick ein „süßes Oberteil“ (das dann bei näherem Betrachten doch nicht mehr so süß schien)… Und dann erwartete mich ein Schock: ich sah vor meinem Haus den Rest eines Tisches, der mir bekannt vorkam. Ich hatte ihn nach sechs Monaten Wartezeit im Keller im Oktober 2009 auf die Straße gestellt.

Das Gefühl der Bodenlosigkeit, wie wenn man durch ein Dimensionsloch reist, kenne ich gut. Wie wenn die Zeit entgleitet und aufhört, in der bekannten Form zu existieren. Dies aber war etwas Besonderes. Ich stand mit offenem Mund vor dem Tisch, stammelte irgend etwas vor mich hin und verstand die Welt nicht mehr. Eine gute Ausgangsvoraussetzung, um ein wenig mehr darüber nachzudenken.

„Wenn die Bodenlosigkeit die Hierarchien der Weltordnung und die sie stützenden Weltbilder oder Ideologien einreißt, dann stößt man überall auf etwas, anhand dessen sich philosophieren lässt“, so ist im Klappentext zu Vilém Flussers „Dinge und Undinge“ zu lesen.

Variante 1: die rationale Erklärung für das Phänomen. Nun ja, es ist zumindest eine Vermutung. Jemand aus meinem Haus hatte im Oktober die gleiche Idee wie ich im März letztes Jahr. Dem Tisch eine neue Platte zu verpassen und ihn wieder zu benutzen. Ideen, die sechs Monate später auf dem Sperrmüll landen.

Variante 2:

In Flussers Essai „Flaschen“ gibt es auf die Frage nach dem Schicksal der geleerten Flasche zwei Antworten: entweder sie wird aufgehoben und somit als Vergangenheit angenommen und verehrt, werde somit „bewusste Geschichte“ oder aber sie werde weggeworfen, also „als Vergangenheit verdrängt, und als solche verachtet, es wird der Versuch unternommen, sie aus der Geschichte auszuschalten und in die Natur zu schieben“.  Doch in der Verdrängungsvariante beobachtet man immer wieder, sei es nun bei Flaschen, bei Sperrmüll oder anderen Dingen, dass sie immer wieder – sozusagen rücklings – aus dem Nebel der Vergangenheit auftauchen, wieder entdeckt werden und mitnichten in den Kreislauf der Natur zurückgekehrt sind.

Den nächsten Sperrmülltermin behalte ich im Auge (was da wohl noch so wieder kommt…) und tauche jetzt in „Flaschen“ ab. Da gibt es wohl noch einiges über meinen weggeworfenen Tisch in Erfahrung zu bringen.

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