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Einlassen auf das Gewicht der Welt. Teil 2: Kuba

„Das Betrachten so lange aushalten, das Meinen so lange aufschieben, bis sich die Schwerkraft eines Lebensgefühls ergibt.“ Dieses Zitat von Peter Handke (Das Gewicht der Welt)  schrieb mir meine Freundin in meine Geburtstagskarte, die ich nach meiner Reise im Poststapel fand.

Ob sie es vorher wusste, dass ich mit diesem Vorsatz nach und durch Kuba gereist bin?

Alle sagen, in Kuba ist es heiß, scheint die Sonne, herrscht Armut und Lebensfreude. Doch mir schien es schon lange klüger, sich auf nichts wirklich zu verlassen, was man vorher so gehört oder gelernt hatte. Alles in diesem Land ist für Überraschungen gut. 2010 war der Jahrhundertwinter, die Anzahl der statistisch angegebenen Regentage stieg um gefühlte 300 %, dafür fielen die Temperaturen um gefühlte 50%. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, diese Zahlen nachzuprüfen. Wir froren nachts – denn niemand besitzt hier eine Heizung. Viele Räume haben nicht einmal Fensterscheiben und bei der unschuldigen Frage nach einer Decke entwickelte ich eine Ahnung davon, was Aron Ronald Bodenheimer mit der Obszönität des Fragens gemeint haben muss.  Denn diese Frage brachte meist einfach Schweigen ein. Denn, wie ich später von Eingeweihten erfuhr, es bringt die Menschen in die Verlegenheit, sagen zu müssen, dass es einfach im Moment keine gibt auf Kuba. Plötzlich schwant einem, dass die Vermieter womöglich selbst frieren und spätestens ab da verzichtet man dann lieber auf die Frage…und nimmt das unwahrscheinliche Risiko in Kauf, dass vielleicht doch noch irgendwo eine ungenutzt herumliegt. Die Menschen sind wahre Überlebenskünstler und müssen es sein, und doch braucht es Vertrauen und etwas Geduld, als Tourist mehr darüber zu erfahren als in den meisten Reiseprogrammen vorgesehen. Musik und Lebensfreude begegnet einem tatsächlich überall auf der Straße, anders als hier in Deutschland, und doch: immer wird sie auch verkauft. Musik wird hier nicht gespielt, sondern gelebt, und doch: Musik ist hier einer der wichtigsten Wirtschaftszweige. Ein einträgliches Geschäft. Für wen, kann man nicht immer so ganz genau sagen. Viel mehr noch als in Deutschland durchzieht Geld alles im Alltag. Denn Geld ist erst einmal das, was den meisten hier am meisten fehlt. Und wie sehr, davon macht man sich hier, trotz Hartz-IV vor der Nase, keine Vorstellung. Manche Menschen dort leben von Jobs, die es hier vielleicht gar nicht mehr gibt. Und manche leben auch – irgendwie – ohne Jobs, oder von solchen, die man hier nicht als solche bezeichnen würde. Ja, jede direkte Frage kann hier unter Umständen obszön werden – denn die Antwort für die Gefragten ist nicht immer einfach. Und vor allem: Sie kann Dinge enthalten, die nicht einfach so erzählt werden können. Denn unter Umständen kann sich hinter einer scheinbaren Wirklichkeit etwas ganz anderes verbergen – und wer hat schon Lust, sich von Außenstehenden (be-/ver)urteilen zu lassen? Der Blick auf die Oberfläche bringt oft nur Unverständnis ein. Außerdem kann jeder öffentliche Ort Ohren haben, für die die Antwort ganz sicher nicht bestimmt ist… Und das muss man aushalten, eine ganze Weile lang, wenn man in die Tiefe vordringen möchte. Warten können muss man in diesem Land, in dem vieles so schnell zu gehen scheint. Auf einen Bus, vor dem Restaurant, auf eine Antwort. Die kraftvolle Präsenz des Ungesagten wahrnehmen, aushalten, erspüren…  Doch sobald man anfängt zu meinen, reißt der innere Faden zu den Menschen ab. Sie beherrschen die Kunst, sehr nah zu wirken und sich innerlich komplett zurückzuziehen. Um das Herz von Kubanern zu erobern, braucht es sehr viel Fingerspitzengefühl und sehr viel Geduld, auch wenn du „hermano“ (Bruder), oder „amigo“ (Freund) genannt wirst. Die Form ist anders – und doch wird man auch hier beobachtet und Schubladen zugeordnet. Nein sagen zu können ist auch in diesem Land von Vorteil, auch wenn es einem manchmal das Herz zerreisst. Als Ausländer, hat man auch nur ein wenig Geld in der Tasche, scheint es mir noch viel schwieriger, wirkliche, echte Verbindungen zu knüpfen. Denn es kann gut sein, dass die Freundlichkeit aus reinem wirtschaftlichen Interesse erwächst. Ebenso wie die Heiratsanträge und die Komplimente beim Tanzen. Doch natürlich existieren auch die anderen. Menschen, die zwar wissen, dass du Geld hast (auch wenn das vielleicht in einem Land wie Deutschland gar nicht zwangsläufig so ist), aber die dich dennoch als Menschen wahrnehmen. Und die fühlen, was sich hinter der Oberfläche verbirgt. Die ihr Herz öffnen und dann auch wirklich. Und denen du dann auch gerne gibst, was möglich ist.

In keinem Land der Welt war es bisher für mich so schwierig herauszufinden, ob sich jemand für mich als Person oder für mein Geld oder für den Nutzen, den ich bringen kann, interessiert. In keinem Land der Welt war es so schier unmöglich, Menschen in Schubladen zu stecken. Bei allem Hinter-die-Kulissen-Blicken, die eine Reise in private Gefilde mit sich bringt. Und doch, und vielleicht gerade deshalb habe ich mein Herz an dieses Land verloren. Ich fand dort eine bunte, schillernde Welt, voller Emotionen, Herzlichkeit und Überlebenskampf, voller Zwischentöne – und doch fand ich mehr Schwarzweiß dort als anderswo. Auch dort leben Menschen, die trotz aller notwendigen Jagd nach dem Geld ein reines Herz und das rechte Maß für die Dinge bewahrt haben. Doch das ist wohl dort noch schwieriger als anderswo…

...für den nächsten Tag


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Habana Vieja

Während ich noch um die Worte ringe, um zu beschreiben, *wie* ich in Kuba gereist bin, fand ich via wikio.de ein wunderbares Video des kanadischen Filmemachers Van Royko. Menschen in Havanna, und dazu ein Stück von Lhasa de Sela. Da hat jemand den eigenartigen Zauber verstanden, der sich manchmal über einen legt, wenn man unterwegs ist. Ich liebe diesen Blick auf die Menschen. Aber seht selbst:

HABANA VIEJA from Van Royko on Vimeo.