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Einlassen auf das Gewicht der Welt. Teil 1: Berlin-Stettin

„Das Betrachten so lange aushalten, das Meinen so lange aufschieben, bis sich die Schwerkraft eines Lebensgefühls ergibt.“ Dieses Zitat von Peter Handke (Das Gewicht der Welt)  schrieb mir meine Freundin in meine Geburtstagskarte, die ich nach meiner Reise im Poststapel fand.

Ob das wohl der Leitsatz eines guten Dokumentarfilmers ist?

Gestern abend habe ich in der Karlsruher Kinemathek Volker Koepps neue Arbeit „Berlin-Stettin“ gesehen, und dieser Film hat mich tief berührt. Über den Film ist bereits Einiges geschrieben, das ich weder wiederholen möchte noch kann – hier eins, zwei, drei Beispiele, die ich besonders zutreffend finde.

Für mich war es etwas ganz Besonderes, den Menschen in diesem Film durch Augen und Ohren von Volker Koepp und seinem Kameramann Thomas Plenert zu begegnen. Es sind Menschen, mit denen ich ein Stück weit meine eigene Geschichte teile. Menschen genau wie jene, mit denen ich groß geworden bin: Eltern, Bruder, Freunde, Bekannte, Nachbarn, Kollegen. Sie reden genau so, erzählen genau so… Und es sind keine „Geschichten“, es ist gelebtes Leben, über das sie sprechen. Verkörperte Lebenserfahrung, ganz unmittelbar. Allgegenwärtig sind Flucht und Vertreibung, eine prägende, ruhige Landschaft, die innere Räume öffnet, persönliche Dramen, fast beiläufig erwähnt, die gerade durch Ungesagtes an Schärfe gewinnen. Manchmal bleiben sie im Raum stehen und wirken im Zuschauer weiter, manchmal entladen sie sich in der unwiderstehlichen Komik eines Augenblicks.

In manchen Momenten fühlte ich mich wie in meine Kindheit und Jugend zurück versetzt. Doris Krause und Bruno Olschewski erzählen Erlebnisse, die auch meine Mutter und wie mein Vater hatten. Als Kind dachte ich: „Immer die gleichen Geschichten, ich kann es nicht mehr hören“, und schaltete ab. Viele Dinge glaubte ich ihnen einfach nicht, denn in der Schule lernten wir oft etwas anderes. Und doch erlebte ich einiges davon in meinen Nächten, als ich von Bombenangriffen und Verfolgung träumte, und meine Mutter immer wieder um ihr Leben rennen und zitternd im Wald mit einem Koffer sitzen sah. Die ausgelassenen Feiern der Großen erlebte ich oft als Alptraum, bis weit in die Jugend hinein, auch wenn ich irgendwann selbst mitmachte. Russische Panzer und Fliegerübungen erlebte ich nur als Höllenlärm im Wald nebenan, und es machte mir immer Angst.
In den vergangenen Jahren habe ich mich als erwachsene Frau sehr viel mit diesen „Geschichten“ auseinander gesetzt, mich meinen Eltern wieder angenähert und konnte so dem gelebten Leben anders zuhören als früher. Dass ich das als Kind nicht konnte, hat mir eine Zeitlang große Bauchschmerzen gemacht.

Volker Koepps Film allerdings hat gestern etwas Wundervolles vollbracht. Es war, als ob ich als Kind in diesem Film sitze und plötzlich das Leben meiner Eltern aus dieser Perspektive und mich selbst rehabilitiert hätte. Durch seine Augen und Ohren habe ich plötzlich eine neue Perspektive auf mein eigenes Leben und die Menschen in meinem Leben gewonnen.

Schöne und schreckliche Dinge nennen die Menschen hier unaufgeregt und unspektakulär beim Namen, erzählen einfach, wie es für sie war und ist. Volker Koepp wählt die Menschen aus und er wählt eine Perspektive, die nah genug, aber nicht zu nah, distanziert genug, aber nicht zu distanziert ist. Und sie ist stimmig, weil sie innen und außen übereinstimmt. Dadurch öffnet er einen respektvollen Raum, in dem etwas Bedeutsames geschehen kann und lässt darüber hinaus Menschen und Dinge für sich sprechen. Regisseur, Kameramann und die Menschen vor der Kamera betrachten ganz einfach das, was war und was ist. Das Meinen wird hier aufgeschoben. Und so lässt sich dieser großartige Mann mit leisen Worten und Bildern, wissend um seine eigene gewichtige Vergangenheit, auf das Gewicht der Welt ein, ohne es selbst zu tragen und dem Zuschauer aufzuladen. Sich von der Schwerkraft dieses Lebensgefühls berühren zu lassen, lohnt sich. Sie bringt die Füße auf den Boden und eine Menge Poesie in den Alltag.

Ich finde, dazu passt dieses wunderschöne Lied von Mercedes Sosa:

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