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Windgeschützt

Ein Zitat aus Luise Rinsers „Mitte des Lebens“.

Ach, sagte sie, du verstehst mich schon. Ich wünsche mir ein einfaches Leben, ganz klar geordnet, mit bestimmten sauberen Grenzen, gleichmäßig, ohne größere Gefahren. Jetzt lachst du mich einfach aus.
Ja, sagte ich, jetzt lache ich dich aus, weil du dir das ja gar nicht wirklich wünschst.
So, sagte sie aufsässig, weißt du das so genau? Glaubst du denn nicht, dass ich es auch einmal satt haben könnte, immer so zu leben wie ein… ach, ich weiß nicht, wie ein Hase, über dem der Bussard kreist, Tag und Nacht?
Ehe ich etwas erwidern konnte, sagte sie leiste: Aber du hast ja recht, ich will es nicht anders, und ich will auch mit niemand tauschen.
Sie legte flüchtig ihre Hand auf meinen Arm, eine scheue, aber zärtliche Gebärde, die ich schon mehrmals an ihr bemerkt hatte.
Es klingt verrückt, sagte sie, aber es ist so: es gibt mitten im Schmerz eine windgeschützte Stelle, an die der Schmerz nicht gelangt, so heftig er auch ist, und an dieser Stelle sitzt eine Art von Freude, oder vielleicht nenne ich’s besser triumphierende Zustimmung.
Ja, sagte ich, das weiß ich.
Sie sah mich erstaunt an: Woher willst du das wissen? Du kennst mich doch kaum.
Doch ich weiß das. Ich spüre das, diese Unverletzbarkeit deines Wesens.

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