Archiv der Kategorie: Fundstücke

Habana Vieja

Während ich noch um die Worte ringe, um zu beschreiben, *wie* ich in Kuba gereist bin, fand ich via wikio.de ein wunderbares Video des kanadischen Filmemachers Van Royko. Menschen in Havanna, und dazu ein Stück von Lhasa de Sela. Da hat jemand den eigenartigen Zauber verstanden, der sich manchmal über einen legt, wenn man unterwegs ist. Ich liebe diesen Blick auf die Menschen. Aber seht selbst:

HABANA VIEJA from Van Royko on Vimeo.

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Klaviatur der Gefühle

Dass unsere Erinnerungen zu einem großen Teil in einer Hirnregion abgespeichert sind, die dem Verstand nicht unmittelbar zugänglich ist, wissen wir ja inzwischen mit Hilfe der Hirnforschung. Das kann niemand so schnell ändern. Auf youtube entdeckte ich dieses alte Pionierlied, das ich in der ersten oder zweiten Klasse lernte.

Nun nehme ich beim Hören gerade wahr, dass beides gleichzeitig möglich ist: der Verstand entsetzt sich über diesen Text, der Schulkindern ab 6 Jahren vorgesetzt wurde und das Gefühl macht mir eine Gänsehaut (= wohliger Schauer). Die gleiche, die ich bekomme, wenn ich sehr berührende Lieder höre.
Es ist so unendlich leicht, die Hirne von Kindern zu beeinflussen…
Noch Jahrzehnte später, wenn alles längst durchdacht und neu bewertet ist, reagieren wir auf solche emotionale Konditionierungen. Ob es nun der Duft von Omas Plätzchen, ein Bild aus Kindertagen, der Geschmack von verhassten Lebensmitteln, ein alter Schlager, den wir eigentlich inzwischen ganz furchtbar finden, eine Werbung oder eben ein politisch hochbrisantes Lied ist – die Klaviatur der Gefühle ist die gleiche.

Ich wünsche mir, dass  in den jüngeren und folgenden Generationen niemals wieder jemand als Erwachsener eine wohlige Gänsehaut bekommen muss, wenn er solche entsetzlichen Texte hört.

Blumento-Pferde: Webpelz

Und schon wieder ist eine neue Rubrik geboren. Die Blumento-Pferde sind ja nichts, was die Artenvielfalt auf der Erde neuerdings bereichert hätte. Sie wurden ja schon vor einer ganzen Weile entdeckt und für mich sind sie so etwas wie eine Familie wunderbarer Synapsen-Sternschnuppen. Jedes Mal, wenn ich ein neues Familienmitglied entdecke, erwacht das Spielkind in mir und hüpft vor Freude. Damit gehöre ich laut Stupipedia zu den etwa 4% (immerhin!) der Bevölkerung, die über diese Sternschnuppen lachen können.

Hier soll also ein Ort entstehen, an dem sich Mitglieder der  Familie Blumento-Pferde treffen und gemeinsam feiern können. Vielleicht findet sich ja dann auch jemand, der die Bilder im Kopf aufs Papier oder den Bildschirm bringen kann. Deshalb freue ich mich schon jetzt auf viele, viele Kommentare, Gastbeiträge, Links von allen meinen Lesern, die zur Familienzusammenführung beitragen möchten 🙂

Den Anfang macht der Webpelz, den ich eben beim Flix entdeckte. Delightful 🙂

Weiter geht es mit dem oben verlinkten Artikel bei Stupipedia, der sich noch etwas näher mit der Gattung der Blumentopferde beschäftigt als nur Statistiken über die Lachwahrscheinlichkeit zu liefern.  Viel Spaß!

Irgendeiner

Dieses Gedicht von Heinz Kahlau fand ich in einem Brief von 1985, den mir Claudia schrieb. Leider weiss ich nicht mehr, wer Claudia ist, woher ich sie wohl kenne und was wir zusammen angestellt haben. Auf jeden Fall aber hat mich das Gedicht sehr berührt. Auch heute noch – im Oktober 2009.

Ich bin irgendeiner –
aber manchmal
bin ich einer von den Krügen,
in die all die Tränen fließen
aus den Augen dieser Welt.
Manchmal bin ich
eines von den Feuern,
die sich von den Sehnsüchten ernähren
aus den Herzen dieser Welt.
Manchmal bin ich einer von den Mündern,
woraus die Gelächter kommen müssen
auf die Dummheit dieser Welt.

Manchmal bin ich es und spüre,
wie die Tränen in mich rinnen,
wie die Feuer in mir brennen,
wie mich die Gelächter beißen,
und ich sitze schweigend da.
Ausgetrocknet von zu vielen Tränen,
eingefroren von zu vielen Feuern,
narrentraurig von zu viel Gelächter,
lässt mich mein Gesicht allein.

Heinz Kahlau

Ich konnte allerdings nicht umhin, eine dritte Strophe dazu zu schreiben.  Heinz Kahlau möge mir diese Sehnsucht nach Ausgleich verzeihen. Das musste jetzt einfach sein. Ich bin alles davon. Manchmal.

Manchmal bin ich es und spüre
wie die Tränen aus mir fließen
wie die Feuer Dreck verbrennen
wie Gelächter mich erholt
und dann kann ich sprechen.
Gut genährt von vielen Tränen,
Gut gewärmt von vielen Feuern,
leicht geworden von all dem Gelächter,
zeig ich mein Gesicht der Welt.

Angefangene Entwürfe

Am 1.7. 1987 schrieb mir Madeleine, sie habe während der Zugfahrt einen  Schmied kennen gelernt hat. Sie hatte vorher gedacht, dass das noch so richtig mit Hammer und Amboss funktioniere wie im Märchenfilm. Aber nein. Sogar die hätten schon ihre Maschinen…. Am Ende des Briefes stand ein Spruch eines unbekannten Autors, den sie „mankt dem Briefpapier“ fand:  „Unser Leben ist wie das Atelier eines Künstlers : voller angefangener Entwürfe.“

Nie wird mir das deutlicher bewusst als in jenen Momenten, in denen irgendwo aus der Versenkung alte Briefe oder Fotos auftauchen, manchmal von längst vergessenen Orten und Menschen. Mit sehr vielen teilte ich über Jahre hinweg schreibend meinen Alltag. Sie wohnten in Kasernen, Studentenwohnheimen, eigenen Zimmern und manchmal im Zimmer unterm Dach. Die Wände befanden sich zum Beispiel in Kamenz, Spechtberg, Prenzlau, Vilnius, Kaunas, Liberec, Baku, Rostow am Don, Mexiko-City, Bamako, Prag, Lodz, Berlin, Leipzig, Neubrandenburg, Charleville-Mezières, Nouzonville, Paris, Abakan, Bukarest, Warnitz oder Anklam. Oft änderten sich Adressen. Auch meine.
Ich entdecke längst vergessene Spitznamen wieder, finde Gedichte, die mir etwas von den Leuten aus dem Land verraten, in dem ich groß geworden bin und das es nicht mehr gibt, lese Zeilen, die mich immer noch berühren (vielleicht sogar mehr als damals), manchmal von Leuten, von denen ich wirklich nicht mehr weiß, wer sie sind und warum sie sich für Übernachtung und Verpflegung bei meinen Eltern bedankten.
Alle von ihnen haben Spuren hinterlassen, auch wenn ich sie nicht mehr benennen kann. Gerald Hüther sagt, all das, was wir sind, verdanken wir den Begegnungen mit anderen Menschen.  Welche Spuren habe ich wohl in all diesen Leben hinterlassen?

Irgendwann schließen wir dann jeden dieser Entwürfe ab. Vielleicht alle auf einen Schlag, wenn wir mal gehen, vielleicht geht es aber auch anders. Barbara Sher regt dafür das Lebenswerk-Regal an.  Sie schlägt vor, all die angefangenen Entwürfe schön zu verpacken und zu beschriften, mit einer getrockneten Blume oder einer Zeichnung verziert, damit sie uns an all die schönen Dinge erinnern mögen, die wir gelernt und getan haben, vielleicht gerne weiter getan oder weiter gelernt hätten.  Damit sie uns den ganzen prallen Reichtum verdeutlichen, den wir auf unserer bisherigen Reise erworben haben. Es gibt immer wieder neue Entwürfe anzufangen. Das macht uns lebendig.

 

 

Wie ein Besucher ein ganzes Dorf von Schulden befreite

Diese Geschichte flog mir von einem befreundeten französischen Arzt zu. Ich fand es lohnenswert, sie ins Deutsche zu übertragen.

In einem winzigen Dorf irgendwo auf dieser Welt lebten die Menschen vom Tourismus. Doch durch die Wirtschaftskrise kamen keine Touristen mehr ins Dorf. Also borgte jeder von jedem um zu überleben. So vergingen Tage, Wochen, Monate – mehr schlecht als recht.
Eines Tages erschien endlich ein Tourist, der im Dorfhotel ein Zimmer buchte. Wie sich da der Hotelbesitzer freute!
Der Tourist bezahlte sein Zimmer im Voraus mit einem Hundert-Euro-Schein. Kaum war der Reisende auf sein Zimmer gegangen, lief der Hotelbesitzer mit dem Schein zum Fleischer gegenüber, dem er just hundert Euro schuldete. Gleich brachte der Fleischer den Schein zum Bauern ein paar Häuser weiter, der ihn gewöhnlich mit Fleisch beliefert.
Der Bauer rannte zum Straßenmädchen, der er eben noch diese Summe schuldete.
Alsbald beeilte sich die Dame, beim Hotelbesitzer ihre Schulden zu begleichen, denn einige Male hatte sie für eine Stunde ein Zimmer gemietet.
Sie hatte gerade den Hundert-Euro-Schein auf den Tisch gelegt, als der Reisende an die Rezeption kam, um dem Hotelbesitzer mitzuteilen, dass er gerade einen Anruf von seinem Chef bekommen habe und sofort wieder abreisen müsse. Er nahm seinen Hundert-Euro-Schein und verschwand.

Kurzum, in dieser Geschichte hat offensichtlich niemand etwas ausgegeben und niemand etwas verdient. Und doch hat keiner mehr Schulden in diesem kleinen Dorf.

Vielleicht ließe sich auf diese Art die Wirtschaftskrise lösen?

Über den Schmutz

„Sauber ist schön und gut. Sauber ist hell brav lieb. Sauber ist oben und hier. Schmutzig ist hässlich und anderswo. Sauber ist doch das Wahre, schmutzig ist unten und übel, schmutzig hat keinen Zweck. Sauber hat recht. Schmutzig ist demgegenüber, sauber ist da denn doch, schmutzig ist wie soll man sagen, schmutzig ist irgendwie unklar, schmutzig ist alles in allem, sauber ist wenigstens noch, aber schmutzig das ist also wirklich.“

Christian Enzensberger, Größerer Versuch über den Schmutz, 1968