Vorgestern habe ich mich aufgerafft, um in Karlsruhe die Misa Criolla und Navidad Nuestra von Ariel Ramírez anzuhören und anzuschauen. Ich hatte bisher immer nur darüber gehört, aber die Stücke selbst noch nicht Und dies war auch ein besonderer Termin: Drei Chöre aus Süddeutschland (München, Stuttgart, Karlsruhe) hatten sich zusammengefunden, um in den drei Städten dieses Programm aufzuführen. Das Konzert war toll, die Chöre und ihre Leiter haben wirklich etwas Besonderes aus dem Abend gemacht. Am meisten erstaunt hat mich jedoch das Publikum. Von dem ging diesmal eine Energie aus, die ich in Karlsruhe in einem Publikum noch nicht erlebt habe. Es war so etwas wie das, was man an einem sonnigen Adventssonntag um 16 Uhr auf dem Christkindlesmarkt spüren kann, wenn es sehr voll ist. Besser dann, dann kein Kind zu sein und besser, nicht stehen zu bleiben um einen Stand anzuschauen. Man wird einfach weitergeschoben.
Drei Beispiele: Im Programm wurde darum gebeten, zwischen den einzelnen Teilen der Messe nicht zu klatschen. Was macht unser Publikum? Tosender Beifall nach dem Kyrie. Ein paar Menschen auf der Bühne reißen die Augen auf, schauen ins Publikum und schütteln den Kopf…. Dann in der Pause, die 25 Minuten dauerte, wälzte sich eine ausgehungerte Masse an die Stände, als hätte nicht gerade eben schon die Seele reichlich Nahrung bekommen. Es war unmöglich, im Flur ein paar Schritte zu setzen, ohne angerempelt zu werden. Nach der Misa Criolla gab es Lieder. Die beiden Leiter erklärten mit einer ihnen eigenen Ruhe im Dialog, was für Lieder denn Villancicos seien. Weihnachtslieder? Oder…ja… vielleicht einfach…Volkslieder…? “VOLKSLIEDER!” tönte da eine kräftige Frauenstimme von links, die keinen Widerspruch duldete. “Das SIND ganz einfach VOLKSLIEDER!”. Wie gut, dass es diese Frau im Publikum gab! Die Menschen auf der Bühne aus Lateinamerika hätten sonst möglicherweise nicht gewusst, was sie da geprobt haben… Ich entschied mich dafür, das Fremdschämgefühl mit meiner Nachbarin wegzulachen. Manchmal ist es einfach schwer auszuhalten…
Ich habe es trotzdem geschafft, die Musik und den Abend zu genießen. Vor allem, weil ich mich mit meiner Flasche Wasser schnell wieder auf den Platz verzogen habe und mich einfach entschieden habe, den allgemeinen Run auf Getränke, Essen und Dritte-Welt-Laden Stand zu ignorieren und auch die Besserwisser Besserwisser sein zu lassen. Das fand ich dann doch weihnachtlicher weil friedlicher…