Da telefonierte ich also mit meinen Eltern am Wahlabend. Im Ton einer lockeren Konversation brachten wir das Thema auf die Wahl. Weil es in unserer Familie dazu gehört, sich über persönliche Entscheidungen auszutauschen, erzählten sie mir, dass auch sie wählen waren. Das fand ich gut. Als mir meine Mutter dann aber erzählte, wofür sich mein Vater entschieden hätte, war ich einigermaßen sprachlos. Ausgerechnet mein eigener Vater, dem ich 25 Prozent des Besten, was ich habe, verdanke, wählt diese Dumpfbacken??? Ich verstand die Welt nicht mehr.
Dann kam er irgendwann selbst ans Telefon, gut gelaunt, und wir sprachen über die Wahl. Natürlich sprach ich ihn darauf an, und er erklärte mir seine Sicht der Welt. Diejenigen, die das Sagen hätten, würden seiner Meinung nach nichts auf den Kreis bekommen und es wäre an der Zeit, dass da ein paar andere Leute die Dinge ein wenig aufmischen sollten. Natürlich, es ginge ihnen als Rentnern nicht schlecht, es habe auch schon andere Zeiten gegeben, aber so ginge das nicht weiter. Und jeder solle da “bei der Wahrheit bleiben”. Nun hat mein Vater schon, seit ich denken kann, ein ganz eigenes Verhältnis zur Wahrheit. Für ihn gibt es eine absolute Wahrheit, und das hat er sich in seinen 81 1/2 Lebensjahren immer noch nicht ausreden lassen. Ich habe zwar den Verdacht, dass diese absolute Wahrheit seiner eigenen sehr nahe ist, aber das kann ich nicht beweisen. Mit den Kategorien von “absolut” und “relativ” kann er nicht so viel anfangen. Ich habe ihn immer als überaus integren Menschen erlebt, der mit einem ganz eigenen Wertekanon alle Systeme durchlebt und nie sein Fähnchen nach dem Wind gedreht hat. Viel davon habe ich für mich übernommen. Doch auch diese Überzeugungen stoßen irgendwann an ihre Grenzen. Und an diesen reiben wir alle uns schon hin und wieder mal.
In den letzten Jahren jedoch dachte ich öfter darüber nach, wer ich denn bin, dass ich einem Menschen, der mich in die Welt gesetzt hat, der mir insofern ein paar Erfahrungen voraus hat, sagen könnte, was richtig und was falsch ist…. Umgekehrt jedoch: könnte er, der nicht die gleichen Erfahrungen wie ich gemacht hat, mir denn heute, in meiner Lebensmitte, denn noch beibringen, was richtig und was falsch ist? Ist es nicht einfach eine Frage der Perspektive…? Und was ist dann die Perspektive der heute 20jährigen?
Meine Mutter hatte sich fast so wie ich entschieden. Beide haben, glaube ich, nicht verstanden, warum ich mich trotz meiner anderen Wahl zu den Ideen der Violetten hingezogen fühle. “Das müssen doch die Spinner sein…”, hörte ich meinen Vater sagen. Sie können mit dem Wort “Spiritualität” nichts anfangen. Aber ich weiß genau, dass ich Spiritualität auch von ihnen beiden gelernt habe: als eine ganz persönliche Wahrheit, in die niemand etwas reinzureden hat. Und weil ich die für mich beanspruche, lasse ich sie auch ihnen beiden.
Wir haben dann über Pilzrezepte, den Garten, meine Grundschullehrerin und über meine Abneigung, mit 15 Waldspaziergänge zu machen, geredet. Mir fiel auch ein, dass ich vor vielen Jahren eine Freundin aus Russland mit nach Hause brachte. Meine Eltern haben sie empfangen, wie sie alle meine Freunde empfingen: warmherzig und gastfreundlich. Das war nicht selbstverständlich, denn beide hatten in ihrer Jugend traumatische Erlebnisse mit Menschen just jener Nationalität. Und doch wussten sie später den Unterschied zu machen.
Jenseits aller politischen Farben gibt es etwas Tiefes, das uns verbindet. Das ist mehr als Familie und das ist mehr als politisches Farbe Bekennen. Wahrscheinlich hat uns diese Tiefe durch die Zeiten gerettet. Auch wenn ich es manchmal nicht verstehe.
Irgendetwas macht ja auch, dass die Farben der Kleider aus der Waschmaschine meist noch die gleichen sind, wenn sie aus der Trommel geholt werden. Die Wäsche darf eben nur nicht zu heiß gekocht werden….
