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Ultimo Tango en Buenos Aires

Kurz vor 00.00 Uhr waren am 4. November 2009 die letzten Noten verklungen. Karlsruhe hatte auf der Bühne im Café Havanna einen der ganz Großen des argentinischen Tangos erlebt. Leidenschaftlich, virtuos, anrührend – das Publikum immer hin- und hergerissen zwischen Lachen, Weinen und Nostalgie. Ein anrührendes Detail war seine Teetasse – die von liebevollen Begleitern hin und wieder aufgefüllt wurde. Es war Tee gegen die Novemberkälte, der in einer Flasche aufbewahrt wurde, hellbraun und nach Sonne und Süden duftend. Im Kontakt mit der Stimme und den Noten verwandelte er sich in Wärme und Feuer und leidenschaftliche Schwermut – für ihn und für das Publikum.  Kurz vor 00.00 Uhr sammelten sich einige Fans in einem Nebenraum, um ihm zu seinem 62. Geburtstag zu gratulieren – mit Ständchen und vielen persönlichen Wünschen. Dort saß nicht mehr der Star von der Bühne, hier saß einfach ein Mensch, der in manchen Augenblicken müde wirkte, erschöpft, fast ein wenig verloren und zerbrechlich. Ich hatte den Eindruck, er habe uns seine ganze Leidenschaft auf der Bühne geschenkt und sich leergesungen und -gespielt. Wir wussten nicht, dass er sehr krank war. Aber es war zu spüren.

Rubén Juarez wird mit seinem weißen Bandoneon nicht wieder nach Karlsruhe kommen. Er wird nicht mehr in Deutschland auftreten und auch nicht mehr in Buenos Aires. Heute morgen erreichte mich die Nachricht, dass er seiner Krebskrankheit gestern erlegen ist. Von Buenos Aires hatte er sich schon vorher verabschiedet. Ich hoffe, er konnte es so schön auch mit seinen Lieben tun.

Trauer

Es gibt Zeiten, in denen man nicht mehr so genau weiß, wie es hier auf Seiten der Lebenden weiter gehen soll. Ich bin gerade Ende 2008 / Anfang 2009 mit einer Todesnachricht nach der anderen konfrontiert worden. Seit etwa einem Jahr beschäftige ich mich viel mehr als vorher mit dem Tod und auch viele Menschen in meinem Umfeld. Ich habe mit meiner Nichte gesprochen, die Erfahrungen mit einem Hospiz hat. Die Frau eines lieben Freundes hat eine Fortbildung gemacht als Sterbebegleiterin. Ich habe das Tibetanische Totenbuch gelesen. “Zufällig” stoße ich auf Blogs, die sich mit dem Thema befassen. Ich habe mir überlegt, was das Sterben bedeutet für mich und wie es wohl danach weiter gehen könnte. Eine Nachricht nach der anderen. Aus der Familie, dem Freundeskreis, dem engen und dem weiteren. Ist das Resonanz? Ist das Zufall? Ist das der Lauf der Dinge? Hat es was mit mir zu tun oder eher nicht? Jedesmal fasst es mich an, jedesmal etwas mehr. Manchmal fühlt sich das an wie Mitgefühl, manchmal wie meine eigene Trauer. Ist das vielleicht sogar das Gleiche? Ich weiß es nicht. Eines aber weiß ich. Das, was ich früher unter Gerechtigkeit verstand, gibt es nicht. Es wäre zu ungerecht, dass das einzige und lang ersehnte Kind junger Eltern nach 3 Tagen gehen muss. Es wäre zu ungerecht, dass der junge Vater schon zwei Wochen nach der Geburt seines ersten Kindes gehen muss. Es wäre zu ungerecht, dass meine eigenen Eltern mit einer Krebserkrankung kämpfen müssen. Dass einer nach dem anderen im Bekanntenkreis mit Krebs kämpfen muss. Nein, gerecht ist das nicht. Aber das wäre es auch nicht, wenn ich diese Menschen nicht kennen würde. Der Sinn muss anderswo liegen als in der Gerechtigkeit. Doch das ist schier nicht mitteilbar. Den Mitmenschen jedenfalls höchst selten. Es sieht so aus, als ob ich für die Trauer und den Umgang damit neue Wege finden muss.

P.S. Zwei Tage später: Passend zum Thema fand ich ein Gedicht von Khalil Gibran, einem meiner liebsten Dichter, in einem Blog. Und das trifft ziemlich genau, was ich hier sagen wollte.

Wie man trauernden Freunden helfen kann

Molly Piper hat im September 2007 das für Eltern Schlimmste überhaupt erfahren. Sie hat ihr Kind verloren. Es starb, kurz bevor es zur Welt kam. Auch darüber schreibt sie in ihrem Blog “The Pipers”. Wenn wir von solchen Ereignissen in unserer Umgebung erfahren, fühlen wir uns oft hilflos. Völlig hilflos. Wenige Menschen haben wirklich gelernt, wie wir am besten damit umgehen, wie wir das Thema zur Sprache bringen können, wie wir auch einfach nur fragen können.  Molly erzählt, berührt und bewegt. Niemals belehrt sie. Und doch gibt es hier viel zu lernen. Auch in einer Reihe, die helfen kann zu verstehen, was in trauernden Menschen passiert und wie wir damit umgehen können. Die Reihe heißt “How to help a grieving friend”. Thank you for sharing this, Molly.