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Das Zebra hat schwarze Streifen, damit man die weißen besser sieht (Teil 3)

„…und zum ersten Mal frage ich mich, ob ich mich vielleicht deshalb nicht selbst formen konnte, weil es kein Gegenstueck zu mir gibt, jemanden, der ganz anders ist als ich in seinem Wesen und der mich doch erkennt als einen Teil von sich. Zum ersten Mal frage ich mich das, und auch, ob die Dinge einfach immer so weiterlaufen wie bisher, oder ob nicht alles bald ganz anders wird, als es schon immer war, und ob die Dinge aussehen wie immer, aber trotzdem nicht mehr dieselben sind, und ich zufaelligerweise die Erste bin, die das weiss.“ (Olympia in: „Das Zebra hat schwarze Streifen, damit man  die weißen besser sieht“. Roman von Johanna Straub).

Das fragte sich Olympia mit ihren höchstens 16 Jahren… Und manchmal scheint es auch mir, als ob die Dinge aussehen wie immer, aber trotzdem nicht mehr dieselben sind.

Denn manchmal gibt es so Tage, an denen einfach das Herz überläuft. An denen die Dinge nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Herz sichtbar werden. Das sind Tage, an denen es nicht mehr nötig ist, an Gott zu glauben. Das Göttliche ist dann einfach da. Greifbar, überprüfbar. Nichts ist dann im Grunde anders als vorher, und doch ist alles anders.  Ich nenne das Glück.

Manchmal ist es ein einziger kleiner Satz oder auch nur ein Wort, manchmal ist es ein großes Gefühl, manchmal einfach nur der Gedanke an einen Rosenstock. Manchmal ist es eine Umarmung, manchmal eine Pizza, oder ein Glas Wein, manchmal ein Blick. Manchmal auch eine Bootsfahrt, manchmal ein Lied, manchmal das Meer. Oder noch etwas ganz anderes. Manchmal ist es innen, und da bleibt es dann, und ein andermal traut es sich, hervorzukommen und nach außen zu gehen. In diesen Momenten verschwindet das Bedürfnis nach einem Selbstporträt.

Neulich war ich beim Frisör. Diesmal kam ich schon gut gelaunt dort an, weil ich bereits eine schöne Begegnung mit einer Freundin und Kollegin hinter mir hatte. Als ich dort in die Küche ging, um eine Zigarette zu rauchen, blieb ich mit den Augen am Kalender hängen. Da stand der Name der Frau, die mir gerade die Haare mit einer orangefarbenen Paste eingeschmiert hatte. Sie hatte zwei Tage zuvor Geburtstag. Als ich dann später zahlte, fiel es mir wieder ein, und ich gratulierte ihr nachträglich. Sie freute sich sehr, reichte mir die Hand und fragte, woher ich das wüsste. Ich sagte es ihr. „Von den Kollegen sieht es niemand mehr“, sagte sie leise. Sie habe gearbeitet an diesem Tag, und es habe niemand gemerkt. Das fand ich sehr traurig… es erinnerte mich an den einzigen Geburtstag, an dem mir niemand gratuliert hatte. Das werde ich nie vergessen… Als ich dann zwei Häuser weiter vor dem Blumenladen stand, kam mir die Idee. Aber ich traute mich noch nicht recht, sie umzusetzen. Weil ich mich fragte, was mich das wohl anginge, ob ich wirklich immer alles reparieren müsse, was wohl ihr Chef dazu sagen würde, der mir schließlich immer die Haare schneidet und ob ich nicht und überhaupt. Dann warf ich den Gedankenmüll auf die Straße, traute mich, kaufte eine Rose und brachte sie ihr. Dazu sang ich in ihrer Muttersprache den Refrain von einem Geburtstagslied. Sie stand da und wusch währenddessen einer Kundin die Haare und strahlte mich an. Dann stellte sie das Wasser ab, umarmte mich und brachte die Rose in die Küche. Ich verschwand, fröhlich winkend, so schnell wie ich wieder gekommen war. Ich weiß nicht, wer von uns beiden sich mehr gefreut hat. So ein Strahlen steckt an. Noch auf der Straße kicherte ich vor mich hin, und fragte mich, warum ich eigentlich in den letzten Tagen so mies drauf war. Wenn doch eigentlich alles so einfach sein kann. Dann ging ich nach Hause und las von den schwarzen und den weißen Streifen. Und weil nicht nur der Teufel immer auf den größten Haufen scheißt, sondern auch das Glück immer da hin fällt, wo schon welches ist, bekam ich dann noch mehr dieser Momente geschenkt. Drei wunderbare Mails mit einer pfiffigen Inspiration dabei, und außerdem am Telefon den schönsten Satz, den ich je in meinem Leben gehört habe. Von jemandem, der in seinem Wesen wohl anders ist als ich und mich doch offensichtlich erkennt als einen Teil von sich selbst. Die Dinge waren einfach wirklich nicht mehr dieselben wie vorher. Das waren eindeutig alles weiße Streifen, die ich vermutlich ohne die schwarzen gar nicht gesehen hätte.

Danke an Johanna Straub für dieses wunderbare Buch, das mich daran erinnert hat, wofür die schwarzen Streifen gut sind. Wie beim Überqueren einer Straße, sieht man einfach besser und wird auch besser gesehen, wenn es beide Farben gibt.

Nun frage ich mich dies: wie genau merkt man den Übergang von einer Farbe in die andere? Oder gibt es da im “richtigen” Leben Grauzonen, die auf einem Fußgängerüberweg nicht zu merken sind? Und wenn ja, wie erkennt man sie?

Das Zebra hat schwarze Streifen,… (Teil 2)

Olympia, sie kann vielleicht zwölf Jahre alt sein, oder auch zehn, oder auch sechzehn, hat aus Knete ihre Eltern und ihre Großeltern geformt. Nur sich selbst hat sie nicht hinbekommen. Wir schreiben nach meinen ungefähren Berechnungen das Jahr 2050.

„Nur ich fehle. Mich selbst so zu formen, dass andere mich erkennen koennen, das waere die groesste Herausforderung gewesen. Das konnte ich in dem Moment nicht mehr tun. Ich werde das vielleicht nachholen, im neuen Jahr.“ (Olympia in: „Das Zebra hat schwarze Streifen, damit man  die weißen besser sieht“. Roman von Johanna Straub)

Vielleicht kennt jemand von denen, die mich hier lesen, diese Herausforderung. Das Selbstporträt… und der Wunsch, dass andere uns darin erkennen? Wenn wir auf die Welt kommen, denken wir noch nicht an ein Selbstporträt, aber wir tragen die berechtigte Hoffnung in uns, dass man uns erkennen möge, einfach so. Allen voran natürlich unsere Eltern, unsere Großeltern, unsere Geschwister, dann unsere Freunde und später auch die anderen – Arbeitskollegen, Reisebegleiter, Fremde. Manchmal passiert das auch, doch dieses Glück erfahren die meisten von uns nur sehr selten. Meist ist es so: wenn wir noch gar nicht sprechen und laufen können, glauben wir mit mehr oder weniger Sicherheit, dass wir uns selbst (ver)formen müssen, damit andere uns erkennen. Und wir formen und formen und verformen… und die anderen erkennen uns immer weniger. Anstatt uns zu erkennen, formen sie uns. Vielleicht auch deshalb, weil es auch ihnen nicht gelungen ist, sich selbst zu formen und erkannt zu werden…

„Wie unendlich viel mehr die Eltern über ihre Kinder zu wissen glauben. Wie es sich dann umkehrt. Wie an diesem bestimmten Punkt die Eltern plötzlich gar nichts mehr wissen.“, sinniert Lee, Olympias Mutter, kurz vor deren Geburt. „Wenn die Eltern nichts mehr wissen, erzählen die Kinder (die Schlaufe) zurück. Es ist merkwürdig, dass das Wissen, das wir von den anderen haben, an einem bestimmten Punkt stehen bleibt. Wenn wir ein Bild haben, dann ist es fixiert in alle Ewigkeit, es sei denn, es passiert irgendwas, das alles verändert und uns eines Besseren belehrt.“

Wenn so etwas nicht passiert, dann bleiben die Bilder stehen. Dann ist allen Beteiligten das Formen gelungen. Und uns selbst das (Ver)formen. Manchmal sieht man solche Bilder auf der Straße, im Netz, im Bekanntenkreis, auf der Arbeit. Fixiert in alle Ewigkeit – nur die Haut verändert sich, das Haar wird dünner, und manchmal die Luft ganz oben auch. Herz und Hirn bekommen immer weniger Sauerstoff ab. Manchmal wohnen diese Bilder auch ganz in unserer Nähe und teilen sogar unsere Betten. Manchmal glauben wir zu wissen, wer sie sind, wer wir sind und manchmal bekommt davon alles einen bitteren Geschmack und schwarze Streifen. Manchmal möchten wir die schwarzen Streifen einfach wegradieren. Sie sind einfach zu schwarz. Erzählt uns dann jemand, dass Gott uns nach seinem Ebenbild geformt hat, lachen wir. Hin und wieder aber kann es sein, dass einem so ein Lachen in der Kehle stecken bleibt. Dann  meldet sich etwas zu Wort, das nicht mehr im Bild bleiben möchte…

Das Zebra… (Teil 1)

Ich war mir sicher: es ist ein Fehler, spät abends noch das Buch aufzuschlagen, das mir meine Freundin G. gestern Abend in die Hand drückte. Sie hatte an mich gedacht, als sie es kaufte. Ich schreibe über Johanna Straubs „Das Zebra hat schwarze Streifen, damit man die weißen besser sieht.“. Sie hatte mir zwei Bücher dieser Autorin zur Auswahl hingelegt. Ich kannte keines von beiden. Sie hatte es gewusst, dass ich mich für dieses entscheiden würde. Es war einer dieser wundervollen winzigen Augenblicke, in denen ich mich ertappt, erkannt, gesehen fühle. Ich konnte ihn nicht einfach auf den Nachttisch legen und das Licht löschen. Auf Seite 139 las ich Daniels Gedanken: „Zwei Uhr vorbei. Schlafen wäre sinnvoll.“ Ich sah auf die Uhr: es war kurz vor zwei und fand, dass Daniel Recht hat…