„…und zum ersten Mal frage ich mich, ob ich mich vielleicht deshalb nicht selbst formen konnte, weil es kein Gegenstueck zu mir gibt, jemanden, der ganz anders ist als ich in seinem Wesen und der mich doch erkennt als einen Teil von sich. Zum ersten Mal frage ich mich das, und auch, ob die Dinge einfach immer so weiterlaufen wie bisher, oder ob nicht alles bald ganz anders wird, als es schon immer war, und ob die Dinge aussehen wie immer, aber trotzdem nicht mehr dieselben sind, und ich zufaelligerweise die Erste bin, die das weiss.“ (Olympia in: „Das Zebra hat schwarze Streifen, damit man die weißen besser sieht“. Roman von Johanna Straub).
Das fragte sich Olympia mit ihren höchstens 16 Jahren… Und manchmal scheint es auch mir, als ob die Dinge aussehen wie immer, aber trotzdem nicht mehr dieselben sind.
Denn manchmal gibt es so Tage, an denen einfach das Herz überläuft. An denen die Dinge nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Herz sichtbar werden. Das sind Tage, an denen es nicht mehr nötig ist, an Gott zu glauben. Das Göttliche ist dann einfach da. Greifbar, überprüfbar. Nichts ist dann im Grunde anders als vorher, und doch ist alles anders. Ich nenne das Glück.
Manchmal ist es ein einziger kleiner Satz oder auch nur ein Wort, manchmal ist es ein großes Gefühl, manchmal einfach nur der Gedanke an einen Rosenstock. Manchmal ist es eine Umarmung, manchmal eine Pizza, oder ein Glas Wein, manchmal ein Blick. Manchmal auch eine Bootsfahrt, manchmal ein Lied, manchmal das Meer. Oder noch etwas ganz anderes. Manchmal ist es innen, und da bleibt es dann, und ein andermal traut es sich, hervorzukommen und nach außen zu gehen. In diesen Momenten verschwindet das Bedürfnis nach einem Selbstporträt.
Neulich war ich beim Frisör. Diesmal kam ich schon gut gelaunt dort an, weil ich bereits eine schöne Begegnung mit einer Freundin und Kollegin hinter mir hatte. Als ich dort in die Küche ging, um eine Zigarette zu rauchen, blieb ich mit den Augen am Kalender hängen. Da stand der Name der Frau, die mir gerade die Haare mit einer orangefarbenen Paste eingeschmiert hatte. Sie hatte zwei Tage zuvor Geburtstag. Als ich dann später zahlte, fiel es mir wieder ein, und ich gratulierte ihr nachträglich. Sie freute sich sehr, reichte mir die Hand und fragte, woher ich das wüsste. Ich sagte es ihr. „Von den Kollegen sieht es niemand mehr“, sagte sie leise. Sie habe gearbeitet an diesem Tag, und es habe niemand gemerkt. Das fand ich sehr traurig… es erinnerte mich an den einzigen Geburtstag, an dem mir niemand gratuliert hatte. Das werde ich nie vergessen… Als ich dann zwei Häuser weiter vor dem Blumenladen stand, kam mir die Idee. Aber ich traute mich noch nicht recht, sie umzusetzen. Weil ich mich fragte, was mich das wohl anginge, ob ich wirklich immer alles reparieren müsse, was wohl ihr Chef dazu sagen würde, der mir schließlich immer die Haare schneidet und ob ich nicht und überhaupt. Dann warf ich den Gedankenmüll auf die Straße, traute mich, kaufte eine Rose und brachte sie ihr. Dazu sang ich in ihrer Muttersprache den Refrain von einem Geburtstagslied. Sie stand da und wusch währenddessen einer Kundin die Haare und strahlte mich an. Dann stellte sie das Wasser ab, umarmte mich und brachte die Rose in die Küche. Ich verschwand, fröhlich winkend, so schnell wie ich wieder gekommen war. Ich weiß nicht, wer von uns beiden sich mehr gefreut hat. So ein Strahlen steckt an. Noch auf der Straße kicherte ich vor mich hin, und fragte mich, warum ich eigentlich in den letzten Tagen so mies drauf war. Wenn doch eigentlich alles so einfach sein kann. Dann ging ich nach Hause und las von den schwarzen und den weißen Streifen. Und weil nicht nur der Teufel immer auf den größten Haufen scheißt, sondern auch das Glück immer da hin fällt, wo schon welches ist, bekam ich dann noch mehr dieser Momente geschenkt. Drei wunderbare Mails mit einer pfiffigen Inspiration dabei, und außerdem am Telefon den schönsten Satz, den ich je in meinem Leben gehört habe. Von jemandem, der in seinem Wesen wohl anders ist als ich und mich doch offensichtlich erkennt als einen Teil von sich selbst. Die Dinge waren einfach wirklich nicht mehr dieselben wie vorher. Das waren eindeutig alles weiße Streifen, die ich vermutlich ohne die schwarzen gar nicht gesehen hätte.
Danke an Johanna Straub für dieses wunderbare Buch, das mich daran erinnert hat, wofür die schwarzen Streifen gut sind. Wie beim Überqueren einer Straße, sieht man einfach besser und wird auch besser gesehen, wenn es beide Farben gibt.
Nun frage ich mich dies: wie genau merkt man den Übergang von einer Farbe in die andere? Oder gibt es da im “richtigen” Leben Grauzonen, die auf einem Fußgängerüberweg nicht zu merken sind? Und wenn ja, wie erkennt man sie?
