Jeder hat ja so seine persönliche Landkarte der unvergesslichen Erlebnisse. Auch von denen weiß man meist nach einigen Jahren nicht mehr alles, aber es bleibt zumindest etwas: der eine erinnert sich an Töne, der andere an den Kuß und die Musik dabei, der nächste an den tollen Drummer… ich erinnere mich an ein Gefühl. Das sich allerdings schwer anders beschreiben läßt als mit platten Allerweltsworten. Also lasse ich es. Direkt im Anschluss an ein Ereignis klappt das meist besser. Wenn ich dann etwas euphorisch drauf bin, kommen Worte, die sich zumindest etwas von Erinnerungsbrei unterscheiden.
Also heute Abend: Rabih Abou Khalil im Tollhaus in Karlsruhe. Schon lange hatte ich nicht mehr ein derart erquickliches Konzert erlebt. Erquicklich auf allen denkbaren Ebenen. Der werte Leser sollte wissen, dass ich keine Musiktheoretikerin bin und nicht erklären kann, wieso was funktioniert hat oder nicht und in welche Schublade irgend etwas gehört. Ehrlich, ich kann gerade mal die C-Dur-Tonleiter an den Fingern abzählen und die Namen für Genres kann ich mir noch schlechter merken als russische Vokabeln. Dafür bin ich jedoch eine sehr sensible Musikerleberin – mit einem sicheren Gespür für Authentisches, Stimmiges und mit einer ausgeprägten Vorliebe für Mischungen und Grenzgänger. Das ist auch nicht verwunderlich, denn meine Vorliebe für Zwischenländer und Grenzen habe ich ja schon einmal in einem früheren Artikel dargelegt.
Hier also spielte Rabih Abou Khalil mit seiner Band. Am Schlagzeug Amerika, an Tuba und Serpent Frankreich, am Akkordeon Italien, der Chef selbst spielt Oud, ist Libanese, lebt seit 30 Jahren in Deutschland und Frankreich. Vieles lässt sich im Netz über ihn finden und das will ich nicht alles wiederholen.
Neben der unglaublich berührenden Musik ist mir aufgefallen, mit welcher Eleganz dieser Mensch durch das Programm, durch die Kulturen reitet. Er nutzt seine Oud und seinen Humor wie ein Surfbrett und reitet die Wellen ab, die kommen. Er reitet die Welle der Vorurteile ab, doch nicht bis zum Ende. Vorher springt er ab, kehrt zurück und lässt die Welle sich irgendwo brechen. Wer mag, kann sie auffangen. Er macht da nicht mehr mit. Schon ist er anderswo. Das alles vorgetragen zwischen dem eigentlich Wesentlichen, der Musik, in perfektem Deutsch. Die Geschichte, weshalb er portugiesische Gedichte vertonte, ohne portugiesisch zu sprechen, erzählt er beiläufig – eine unglaubliche Story. Seine eigene Geschichte zu erzählen fällt den meisten Menschen schwerer, ich glaube, ihm auch. Warum er Ricardo Ribeiro unter vielen ausgewählt hat, diese vertonten Gedichte zu singen, wird bereits im ersten Stück klar. Dieser Mensch geht unter die Haut. Seine Stimme, dieLeidenschaft, mit der er diese Stücke singt, treiben mir die Tränen in die Augen. Er erlebt die Musik körperlich. Das mag bei anderen auch so sein – es ist nur bei ihm viel sichtbarer für mich. Seine Hände beschreiben eine imaginäre Linie, die der Melodie folgt und setzen Akzente. Selbst ein Tauber könnte der Musik bei ihm folgen. Zusammen mit dem Bandleader und diesem außergewöhnlichen Sänger bilden die anderen Musiker ein sehr stimmiges Ganzes. Manchmal muss ich laut lachen, weil mich der Dialog zwischen Stimme und Tuba so amüsiert, ein Percussion-Solo lässt mein Herz rasen (physisch, nicht nur im übertragenen Sinne), das Akkordeon improvisiert herrlich. Alle zusammen schaffen eine so berührende Energie auf der Bühne, dass ich zum Schluss beglückt und beschwingt den Saal verlasse, mit der Trophäe CD in der Hand, ohne noch irgendwelchen Small Talk zu brauchen. Ein großes Konzert…