“Helft euch gegenseitig beim Leben!”, sagte ein Priester am Grab der Tante meiner Freundin P.
Was der Priester am Grab meiner Tante sagte im letzten Jahr, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, mein Bruder war da, es waren Cousinen und Cousins da, wir waren fast alle da. Und es tat gut, da zu sein. Eine fehlte. Die letzte lebende Schwester meiner Tante. Meine Mutter. Sie hat es nicht geschafft zu kommen. Sie hat es auch nicht geschafft, darüber zu reden. Ich vermute, sie ist in einem Netz gefangen. Dieses Netz sagt ihr Sätze wie: “Du hast einmal geschworen, dass du nie mehr mit ihr reden würdest, jetzt bleib auch dabei.” Oder auch: “Ich setze meine Ehe nicht aufs Spiel.” Oder was auch immer.
Es muss sehr schwer sein, mit solchen Sätzen zu leben. Ich maße mir nicht an, darüber zu urteilen. Aber ich gebe zu, es ist schwer für mich, das alles bei ihr zu lassen. Es macht mich manchmal traurig. Aber sie wird ihre Gründe dafür haben. Vielleicht wird sie einmal noch an dem Grab stehen und dann reden. Vielleicht auch nicht.
Ich bin sehr froh, dass ich da war und weinen konnte. Meine Tante hätte die Worte des Priesters von meiner Freundin auch sagen können. Und sie hätte sie zu Lebzeiten sicher auch gut brauchen können. Und wer weiß, vielleicht hat sie sie gesagt und auch bekommen.
Für mich sind diese Worte eine Art Credo. Was in meinen Kräften steht, will ich dafür tun. Und ich bemerke gerade - das kommt zurück. In Momenten, in denen man es kaum vermutet.
