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Wegbereiter, Wegbegleiter, Zauberer

Es muss ein Frühlingstag im Jahre 1993 gewesen sein. Da lebte ich 250 Kilometer von Paris entfernt. Eine Freundin erzählte mir von einem Konzert, das Gerhard Schöne bald in Paris geben würde. Am Goethe-Institut.
Seit langem liebte ich seine Lieder und fühlte mich im Westen Frankreichs dann doch etwas abgeschnitten von meinen Wurzeln. Für mich war es das Ereignis des Jahres.  Mir ging es gerade gar nicht gut und schon immer war es mir nach dem Genuß seiner Lieder besser gegangen als vorher. Ich wusste, ich MUSS da hin. Also kratzte ich meine letzten Francs zusammen, setzte mich in den TGV und fuhr los.

Viele Deutschlehrer, Deutschstudenten, Deutsche sollten kommen. Man hatte einen recht großen Saal in den Hallen der avenue Iéna eingeplant. Marion und ich, beide aus der gleichen Kleinstadt in Vorpommern, mit fast dem gleichen Lebenslauf bis dahin, nur um ein Jahr versetzt, kauften aufgeregt und erwartungsvoll unsere Karten. Dann traten wir ein. Der Saal war fast leer. In meiner Erinnerung waren von den ungefähr 500 Plätzen allerhöchstens 40 besetzt. Die vorderen Reihen waren leer geblieben. Empörend. Wir konnten es nicht verstehen.

Dann kam Gerhard Schöne auf die Bühne. Es war ein Soloprogramm. Die Gitarre war angestöpselt und er guckte zunächst etwas ratlos auf die Menschen, die gekommen waren.  Doch das dauerte nicht lang. An die genauen Worte, die folgten, erinnere ich mich nicht. Doch es klang entschlossen. Er wollte mit uns in einen kleineren Raumumziehen. Die Würdenträger des Goethe-Instituts zierten sich ein wenig, dann schnappten wir alle unsere Sachen, Gerhard Schöne stöpstelte kurzerhand die Gitarre ab und zog mit uns in einen normalen Seminarraum um, der plötzlich, mit etwa 40 Leuten gefüllt, sehr heimelig wirkte. Er sang einfach los. Eine Stimmung zwischen Wohnzimmersingen und Lagerfeuer breitete sich aus. Ich weiß es nicht mehr ganz genau, aber es könnte sein, dass der Raum plötzlich heller wurde. In mir drin aber auf jeden Fall. Ich bewegte die Lippen zu den Texten, die ich fast alle auswendig konnte. Singen habe ich mich nur getraut, wenn das Publikum dran war. Das waren dann doch wenige Einsätze. Selten habe ich ein Konzert erlebt, das mir so unter die Haut ging.

Plötzlich konnte ich auch fühlen, dass es das Land, in dem ich aufgewachsen war, nicht mehr gab. Ich hatte es kurz vor seinem Ende hinter mir gelassen, denn ich war im August 1990 nach Frankreich ausgewandert, angezogen vom Abenteuer und  dem Land, dessen Sprache ich bereits 5 Jahre studiert hatte, ohne es sehen zu können. Aber auch angewidert von vielen Vorgängen in meinem Land.  Nicht nur  den Rausch nach Coca-Cola, Bananen und Begrüßungsgeld fand ich von der Höhe meiner 23 Jahre aus gesehen widerwärtig.  Nein, es war noch etwas anderes, über das ich schon hier geschrieben habe. Diese Verfolgungsjagd, denen sämtliche ehemalige SED-Mitglieder, undifferenziert nach dem Gießkannenprinzip, ausgesetzt waren, hatte mich völlig aus der Fassung gebracht. Noch heute kann ich dieser Wut nachspüren.  Ich schrieb einen flammenden Brief an die “Junge Welt” (die Jugendzeitung in der DDR) und bat darum, den Text “Meine Rache” abzudrucken.  Für mich war dieser Leserbrief eine Art von Outing. Wir waren es nicht gewohnt, öffentlich die Stimme zu erheben. Das machten zum Teil die Liedermacher für uns. Auch dafür liebten wir sie.

Mein Brief und der Liedtext wurden in voller Länge abgedruckt. Gerhard Schöne hatte das gelesen und mir einen kurzen, aber sehr herzlichen Brief geschrieben, dem zwei noch unveröffentlichte Texte beilagen. Das hat mich wirklich glücklich gemacht.
Zusammen mit ein paar Kassetten aus Kuba und einigen anderen ganz persönlichen Schätzen hatte ich ihn bei meiner Auswanderung in einen Rucksack gepackt.  Diesen Rucksack gab ich zusammen mit zwei Koffern bei einer innerfranzösischen Zugreise auf. Die Koffer kamen an, der Rucksack wurde nie mehr gefunden. Ich habe viele Jahre gebraucht, um diesen Verlust zu verwinden.

Das erzählte ich Gerhard Schöne dann in Paris persönlich.  Dieses kleine Gespräch war für mich sehr bedeutsam, und so etwas vergißt man nicht. Auch wenn ich mich nicht mehr erinnern kann, worüber wir sonst noch gesprochen haben. Aber das ist auch gar nicht wichtig.
Marion und ich wollten ihn auf einen Absacker in Paris einladen, und ihm ein Stückchen von unserer damaligen Welt zeigen. Leider schlug er die Einladung aus, und wir verstanden, dass er müde war, ins Hotel und ausruhen wollte. Traurig und perplex waren wir dann, als wir ihn etwas später auf dem gegenüberliegenden Metro-Bahnsteig zusammen mit diesem Unsympathen, der zu allem Überfluß noch ein Landsmann von uns war, weggehen sahen, der auch im Konzert gesessen hatte. Ich weiß nicht mehr, wie wir das interpretierten, bedauerten aber eine ganze Weile noch unsere mangelnde Chuzpe.  Doch wir haben es schweren Herzens hingenommen.

Seither habe ich kein Konzert mehr mit ihm gesehen. Das liegt aber nicht an dieser Episode, sondern vor allem daran, dass ich selten in meine alte Heimat fahre und Konzerte im Süden Deutschlands extrem selten sind. Woran das genau liegt, kann ich nur in verschiedenen Varianten vermuten. Allerdings hätte ich das gerne anders.

Denn noch heute, fast 20 Jahre nach dem Mauerfall, haben seine Lieder für mich nichts von ihrem Zauber verloren. Die allermeisten empfinde ich als zeitlos – als ob sie mit mir mit gewachsen sind.  Alte Kleider kommen irgendwann in den Container. Alte Schlager werden hin und wieder mal vorgekramt, alte Moden auch. Doch dieser Mann kann zaubern. Immer wieder schafft er es, die Herzen von Kindern und Erwachsenen zu berühren. Mit immer wieder neuen Ideen. Und auch die alten höre ich immer wieder mit der gleichen Begeisterung. Lieder für die Seele. Sie haben mein Innerstes geprägt.  Ach, und über Prägung hatte ich ja auch schon mal was geschrieben

Das Glück

Diesen Text fand ich auf Gerhard Schönes Homepage. Wie würde ich mich  freuen, ihn einmal in Karlsruhe zu sehen.

Das Glück

Es sitzt sich weich auf unserm Sofa. Gemütlichkeit im ganzen Haus.
Geschmackvoll wählten wir die Bilder zur Farbe der Gardinen aus.
Wir schließen nachts die Jalousien, hab’n neue Schlösser in der Tür.
Das Glück soll sich doch sicher fühlen als Dauermieter, dachten wir.
Da hat’s das Bündel schon geschnürt.
Ich glaub’, es wohnt nicht gern möbliert
und scheint die Sicherheit zu meiden.
Versprechen, die vergißt es prompt,
und daß es niemals pünktlich kommt,
kann ich nicht leiden.

Ich hab’ es tief als Kind geatmet im Kirschenbaum zur Blütenzeit.
Da warf s mir seine Glückshaut über grad wie ein Sternentalerkleid.
Ich traf es unter jungen Leuten, wir feierten bei Kerzenschein.
Es war spontan, verrückt, bescheiden und machte aus dem Wasser Wein.
Dann ging es fort und kam nicht mehr.
Ich hechelte ihm hinterher.
Doch ich war nie sehr gut im Rennen.
Einmal kam’s ungeheuer groß,
es trug ein Baby auf’m Schoß.
Da schossen uns vor Glück die Tränen.

Ich fand es mal beim Muschelsuchen. Da gab’s mir sein Geheimnis preis:
“Du rennst mir nach, willst mich erzwingen. Halt inne, schau und sei ganz leis.
Dann wirst du staunend mich entdecken. Dann hörst du meinen Glücksgesang.
Und ich kann dir aus vielen Blicken entgegen schau’n ein Leben lang.
Ich bin im Brotgeruch versteckt,
und wenn dich deine Liebste neckt
im Dunkeln, dann hörst du mich lachen.
Ich warte auf dich jetzt und hier,
und wenn du singst, bin ich bei dir,
dich froh zu machen!”

Gemanagte Zeitverdichtung

genova68 erklärt uns  in seinem Blogartikel, warum er an der Glaubwürdigkeit des Manager-Magazins zweifelt. Und wenn man sich auf seine Rechnung und seine Sicht der Dinge einlässt, dann kommen in der Tat Gedanken, auf die zumindest ich bisher noch nicht gekommen bin. Wie viele Dinge kann ein erfolgreicher Manager zwischen 5.45 und 6.15 Uhr morgens unterbringen? Mehr dazu hier und in ihrem seinem Artikel. Ich wünsche ein schönes Wochenende und werde sehen, wie sich die verdichtete Zeit in Scheiben schneiden und genießen, vielleicht sogar als Instant-Pulver in Wasser oder Wein auflösen lässt. Damit es nicht gar so kompakt wird…

“Das Manager-Magazin erklärt uns in der November-Ausgabe, dass viele erfolgreiche Manager auch vielfache Kinderzeuger sind. Zur Veranschaulichung zeigt die Redakteurin Eva Müller, wie ein viel beschäftigter Manager sein Familienleben im Griff hat. Der Typ, aus Osnabrück, den Namen habe ich vergessen, besitzt gleich vier Firmen, irgendwas Juristisches. Er sieht auf dem Foto recht dynamisch aus, nur seine fünf Kinder gucken in die Kamera, als seien sie Sektenmitglieder. Sein Wecker klingelt um 5.30 Uhr. Und jetzt bitte aufpassen: Er weckt dann seine beiden Söhne und „scheucht” sie ins Bad. Dann setzt er sich auf sein Trimmrad und fährt 14 Kilometer. Und um 6.15 Uhr presst er bereits – frisch geduscht – frischen Saft…”  Weiterlesen bei genova68…

Das alles ist : Ganz einfach. Hier noch einer meiner Top50 forever. Viel Spaß!


Songtext: Gerhard Schöne – Meine Rache

Songtext: Gerhard Schöne – Meine Rache.

Hier ist noch einer – gefunden leider nicht mit der Musik bei youtube – aber in einer meiner sehr präsenten Erinnerungen an die Wendezeit, als zum Beispiel einfache ehemalige SED-Mitglieder in der Öffentlichkeit Spießruten laufen mussten… Zu dieser Erinnerung erkläre ich, dass ich mich sowohl von den Ideen der SED ausdrücklich distanziere als auch noch ausdrücklicher von der 1993 gegründeten Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung e.V. (GRH). Die Existenz letzterer erfuhr ich soeben erst als Nebenprodukt einer Recherche und dies hat mich veranlasst, den Artikel noch einmal zu überarbeiten. Das Lied traf damals und heute einen Nerv bei mir – nämlich dass ich öffentliche Bestrafungen, Spießrutenlaufen, Aufhängen, Verbrennen, Lynchen, Steinigen, Rachegelüste auf irgendwelche Banker und Vorstände auf den Ego-Trip und andere ähnliche Praktiken schon immer für sinnlos gehalten habe. Und außerdem nicht zielführend (wie eine Freundin immer sagt), zumindest wenn es darum geht, mehr Frieden, mehr Ruhe und mehr Lebendigkeit in die Welt zu bringen.

Helle Fenster – oder Der Apfelbaum Herbert

So, und hier möchte ich mal zum 1001. Male Gerhard Schöne würdigen – der mich seit meiner frühen Jugend (und das ist schon ein paar Tage her) begleitet.

Diese Zeilen lernte mein lieber Freund G.G. als erstes auf deutsch. Diese Zeilen bekam ich einst in einer Vorabversion nach Hause geschickt, als Dankeschön von Gerhard Schöne, diese Zeilen verlor einst die SNCF, als ich mein Gepäck an meinen neuen Wohnort nach Frankreich schicken ließ (das war unersetzliches Gepäck…), und diese Zeilen wollte ich hören, als ich aus Westfrankreich nach Paris reiste um Gerhard Schöne zu hören…. Lasst Euch die Lieder nicht entgehen – auf youtube oder direkt bei http://www.buschfunk.com ! Viel Spaß!

Weitere Favoriten: Vielleicht wirds nie wieder so schön, Ganz einfach, oder auch Der Popel, ein mexikanisches Kinderlied!