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Tritte

Aus dem “Lexikon der beschreibungswürdigen Wunder, Phänomene und Ereignisse des irdischen Daseins” von nimrouz, frei nach Professor Dr. Abdul Nachtigaller: 1. Tritte, die: spontane, geplante, absichtliche oder unabsichtliche Energieübertragungen physischer oder psychischer Natur externer Provenienz. Oft, jedoch nicht ausschließlich von wohlmeinenden Zeitgenossen der Außenwelt (-> Außenwelt, die) ausgehend, sollen oder können sie ein Erwachen aus einem Zustand ähnlich der saloppen Katatonie (-> saloppe Katatonie, die. Siehe auch “Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung” von Professor Dr. Abdul Nachtigaller), Verhaltensänderungen bis hin zu einschneidenden Veränderungen des Daseins, aber auch das Gegenteil, wie beispielsweise den berüchtigten Gesa’schen Gießkannenwurf (-> Gesa’scher Gießkannenwurf, siehe auch -> Abwehr, die) bewirken und sind damit den nicht eindeutig kausativen Handlungen zuzuordnen. Es gibt Hahnentritte, Gleichtritte, echte Tritte, letztere meist im hinteren Bereich des Körpers (aua!) und virtuelle Tritte. 2. Außerdem bezeichnet man als Tritte einer kleinen Treppe ähnliche, transportable Gestelle mit zwei oder drei Stufen. Ein inhaltlicher Zusammenhang zwischen den verschiedenen Bedeutungen läßt sich nicht ohne gutes Gewissen leugnen und es darf wohl bemerkt sein, dass kein menschliches Wesen völlig ohne Tritte auskommen kann, sei es, um das Fenster zu öffnen, dessen Griff ohne selbige nicht erreichbar ist, sei es, um die nötige Energieladung für eine mehr oder weniger folgerichtige Handlung zu empfangen.

Liebe Nina, es war mir nicht bewusst – aber im Nachhinein eine unerhörte Freude :-)

Nimrouz’ Geschichte, Teil 1

Fast jeder, der diesen Namen zum ersten Mal las oder hörte, fragte mich, was es damit auf sich hat. Mein erster Eintrag in meinem ersten Blog soll diese Frage beantworten.

Nimrouz war ein Kater. Ein ganz und gar nicht ausgewachsener Kater von etwa sechs Wochen und sieben Tagen, der eines Mittwochs plötzlich und unvermittelt, als ich von der Arbeit nach Hause kam, in meiner Küche in Tours herumlief und herzzerreißend miaute. Ich war außer mir. “Was soll das?”, fragte ich feindselig. Zum Glück hatten mein damaliger Freund und ich ein paar Tage zuvor beschlossen, dass eine Katze nicht ins Haus kommt. Wir waren nicht etwa tierfeindlich, nein, wir waren schlicht ängstlich und verantwortungsbewusst. Denn unser Haus war eine kleine Mietwohnung, gelegen mitten in der Stadt an einer verkehrsreichen Straße.
Mein Freund behauptete, dass ihn dieser Kater auf der Straße gebeten habe, ihn mitzunehmen und er nicht ohne ihn habe weggehen können. Grau getigert und namenlos war er. Ob herren- oder damenlos, ließ sich in dieser Minute nicht zweifelsfrei feststellen. Aus unseren früheren Katzenbeobachtungen schlossen wir, dass er Hunger hatte. Milch hatten wir im Kühlschrank und die Marke Whiskas kannte ich aus dem Fernsehen.
Nachdem seine (und unsere) Grundbedürfnisse gestillt waren, machten wir uns mitfühlend auf die Suche nach der sicher sehr unglücklichen Person, die ihn vermisste. Wir schrieben mit der Hand (einen PC gab es in unserem Haushalt noch nicht) an die zwanzig Aushänge und bedachten damit die Bäckerin, den Fleischer, den Tabakladen, unsere Lieblingskneipe, die vereinzelten Bäume, die im Viertel zu finden waren und die Straßenlaternen. Als wir vom Aushängen erschöpft nach Hause kamen, verschaffte sich in mir sogleich die unangenehme Vorstellung Raum, dass die unglückliche Person den Zettel sehen und anrufen könnte. Denn selbstverständlich wollte ich den Tiger nicht mehr hergeben.
Etwa hundersiebenundsechzig Stunden waren verstrichen. Das Telefon blieb stumm. Keiner von uns wagte es, dem anderen seine geheime Freude mitzuteilen. Deshalb regten wir uns fünf Minuten lang fürchterlich über diese herzlosen Menschen auf, die hungernde, frierende, mutterseelenalleine kleine Katzen mitten in der Stadt ihrem Schicksal überließen – dann gingen wir nahtlos zur Namensfindung über. Der Name sollte schön klingen, auf deutsch und auf französisch, er sollte zu unserem Kater passen, anders als alle anderen Katzennamen sein, angenehme Assoziationen wecken und wie ein anständiger Name aus zwei Silben bestehen – ein RUFname eben. Namen wie Pellpemperemm Papriani Parmisani, Knut-Alexander, Schorschdabbeljuuh, Minou oder troosme-priadour erfüllten jeweils nur eines der Kriterien, höchstens aber zwei. So kamen wir nicht weiter. Mein Freund schlug das Lokalblatt auf – er wählte die Seite, auf der die Ergebnisse des Pferdesports stehen. Damit kannte er sich aus. Pferdebesitzer sind phantasievolle Menschen, das begriff ich schnell. Oz le Magicien hießen da die Pferde, Octopus oder Unico Limburgia – was für ein Universum. Und plötzlich war er da, der Name leuchtete uns förmlich entgegen. Er erfüllte nicht nur alle anderen Kriterien, sondern noch ein weiteres: Er erschien uns voller Wortwitz. NIMROUZ. Kichern. DAS wars! NIIIMROUUUUZZZ. (Für alle Nichtfrankophonen: Es ist wichtig, das „z“ hinten wie ein langes, stimmhaftes „s“ auszusprechen, das ist Teil des Zaubers). Wir waren uns sicher – nie zuvor hatte ein Kater diesen Namen getragen, klangvoll und erlesen, an Gewürzstände eines orientalischen Basars erinnernd. Nimrouz war adoptiert.
Ein wesentliches Kriterium hatten wir vergessen: Der Name musste alltagstauglich sein. Fast scheint es überflüssig, dies zu erwähnen, aber nach ein paar Tagen schon war aus dem Zungenbrecher Nimrouz ein Spitzname geworden, und zwar Nimel (sprich: niemel). Wir brauchten schließlich den richtigen Namen noch für die Fälle, in denen Autorität gefragt war.

Dass Nimrouz heute eine Provinz in Afghanistan ist, erfuhr ich erst Jahre später, im Zeitalter des Internets, als ich in einer nostalgischen Stimmung Google nach „nimrouz“ befragte. Seltsam und befremdlich wirkte es, lange nach dem Tod des Katerchens diese Gegend über Google Earth zu besuchen. Andere Quellen berichten, dass im alten Persien, zu Zeiten Zarathustras, das Wort „Nimrouz“ so etwas wie „Meridian“ bedeutete. An diesem Ort ging an den kürzesten Tagen im Osten die Sonne auf und an den längsten Tagen im Westen unter, und zwar gleichzeitig. Mit anderen Worten, eine sehr alte Datumsgrenze, lange bevor Greenwich eingeführt wurde. Wie das genau funktioniert, weiß ich noch nicht, aber das wird dann eine andere Geschichte.
Für alle, die ihn näher kannten, ist es kein Geheimnis: Mit diesem Kater fingen andere Zeiten an.

nimrouz

Nimrouz’ Geschichte haben inspiriert: Nimrouz, Walter Moers, Käpt’n Blaubär, Christine Murillo, Jean-Claude Leguay, Gregoire Oestermann und ihr “baleinié”, Tiercé Magazine, www.schneckensuppe.com, Domaine Terres Blanches 2004, www.haus-der-sprache.de und diverse Google-Fundstellen.