Hagebuttensenf

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Heilige Kühe…

16 März 2009 · Kommentar schreiben

Das ist wirklich ein starkes Stück… zum Thema Heiligenschein…

Empörend! würde Hagen Rether da sagen. Empöööörrend!

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Nimrouz und sein Personal (Geschichte, Teil 2)

25 November 2008 · 4 Kommentare

Die Fälle, in denen Autorität gefragt war, gab es in der Folgezeit sehr oft. Sorgen wegen der gestrengen Erziehung des Katers braucht sich allerdings niemand zu machen. Zumindest ich bemerkte gar nicht, dass Autorität gefragt war – ich hatte aus einem natürlichen Instinkt heraus von Anfang die wahren hierarchischen Verhältnisse erspürt.

Vielmehr war ich sehr damit beschäftigt, jeden Abend, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, die Veränderungen, die Nimel an unserer Wohnung vorgenommen hatte, ungeschehen bzw. in den Fällen, in denen dies nicht möglich war, so unbemerkbar wie möglich zu machen. Meistens vergeblich. Mein damaliger Freund nämlich hatte eine Eigenart, die den Aktivitäten und Vorstellungen des Katers nicht ganz entsprach: er hasste es, wenn sich in der Wohnung etwas veränderte und diverse Kleinteile in der Wohnung herumlagen. Das bedeutete: Wenn ich nach Hause kam und etwa 12.344 Bruchstücke einer Vase auf dem Boden fand, beförderte ich, so schnell ich konnte, diese Bruchstücke vom Boden in den Mülleimer, um dem Kater großen Ärger zu ersparen. Was war schon eine Vase im Vergleich zum Wohlergehen eines lebendigen Wesens? Fast schon voraussehen konnte ich, dass wieder einmal der Ficus benajmini (Benny) auf der Erde liegen würde. Dann mussten eben fix die Erdkrumen weg und der Topf wieder senkrecht – und zwar an der gleichen Stelle – stehen. Nimel war eben ein Straßenkater und an Erde gewöhnt. Er liebte es, das Katzenklo zu ignorieren und für sein Geschäft eine wie auch immer geartete Erde zu suchen. Sehr viel hatten wir nicht davon in der Wohnung. Also war es meist der Benny. Heute mutet es mir seltsam an, dass wir nie auf die Idee kamen, das Katzenklo mit Blumenerde zu füllen… Doch dass er das Klo ignorierte, wie auch seinen Schlafkarton, hatte noch eine andere Ursache. Beide standen jeden Tag an einem anderen Platz wegen der täglichen Putzaktionen. Auch Katzen schätzen es, wenn ihre Sachen einen festen Platz bekommen. Das hätten wir mir ein wenig mehr Einfühlungsvermögen herausfinden können: Schließlich ist es auch für uns keine übermäßig reizvolle Vorstellung, würde die Putzfrau Bett und Klo jeden Abend an einem anderen Ort verstecken…

Niemand kann behaupten, Nimel hätte uns nicht mitgeteilt, dass er mit seinem Personal nicht zufrieden war. Weder war er mit den ständigen Verschiebungen seines Schlafkartons einverstanden noch mit den komischen Krümeln in seinem Klo. Auch fand er, dass die Aufmerksamkeit, die ihm seiner Meinung nach zustand, nicht ausreichte. Doch wir waren einfach mit der Grammatik und den Feinheiten seiner Sprache noch nicht vertraut genug. Nimel entschied sich, Klartext zu reden und sich Hilfe zu holen. Er beschwerte sich bei allen, derer er habhaft werden konnte. Gerne tat er dies bei den Menschen im Bäckerladen gegenüber, und zwar auf zweierlei Art und Weise: An normalen Tagen schob er die Gardinen beiseite, setzte sich auf die Fensterbank und und starrte mit einem Blick, der Mitleid erregte, die Passanten und die Bäckerin an. Reagierte niemand, sprang er hoch in die Gardinen und schaukelte wild hin und her. Hin und wieder versuchte die Bäckerin vergeblich, seine Botschaften zu entschlüsseln, unterrichtete uns jedoch von seinen Bemühungen.

Wir hatten immer noch nicht verstanden. Nimel wurde noch deutlicher. Nach und nach fielen alle schönen und weniger schönen, zerbrechlichen Stücke seinen Tobsuchtsanfällen zum Opfer. Sobald ich das Telefon in die Hand nahm, kam er herangesaust und hängte sich an meinen Arm. Hörte ich nicht sofort auf, um mich um ihn zu kümmern, kratzte er und biss, natürlich umso heftiger, je länger ich telefonierte. Zum Schluss brauchte ich nur noch ans Telefonieren zu denken, schon hatte er eine Gegenmaßnahme parat.

Eines Tages gelang mir die Entschlüsselung. Er wollte nach draußen, ich war mir sicher. Voller Stolz auf mein Kommunikationstalent und im Bewusstsein, ihn vor dem schlimmen Schicksal des ewigen Eingesperrtseins zu retten, ging ich in die Tierhandlung. Jeder Hund darf an der Leine nach draußen, also warum nicht unser Kater? Ich kaufte eine Leine und ein Harnisch (ein Halsband schien mir für einen Kater zu grausam). Zu Hause packte ich aus, legte sofort beides an und zerrte ihn nach draußen. Ich wollte mit ihm in den Park, der etwa 200 Meter entfernt von unserer Wohnung lag. Er fauchte und knurrte – ich war fassungslos. „Nimrouz!“, sagte ich vorwurfsvoll und appellierte an seine katerliche Vernunft: „Jetzt ist aber genug! Du wolltest nach draußen, jetzt komm auch!!!“. Selbstverständlich ignorierte Nimrouz meine natürliche Autorität, fauchte und knurrte weiter, bis ich ihn angeleint auf die Straße trug. Es dauerte eine Ewigkeit, bis wir an der ersten Kastanie ankamen. Er sträubte sich mit all seiner Kraft. Dann sah er die Erde: Er schnupperte am Baumstamm, ging rundherum (die Leine!!!), schnupperte an der Erde und fing schließlich an zu kratzen. Erster Erfolg! Immerhin. Im Park allerdings waren wir noch nicht. Die ganze Prozedur zog sich wohl über zwei, drei Stunden hin. Woher hätte ich auch wissen sollen, dass sich Katzen auch solcherlei Veränderung nur sehr zögerlich öffnen? Sie schätzen es, wenn ihr Personal sie langsam, über sechs bis acht Wochen hinweg mit neuen Gerätschaften wie Halsband und Leine vertraut macht. Sie wollen täglich daran schnuppern und damit spielen dürfen, um dann nach und nach zuzustimmen…
In den Wochen darauf spielten wir täglich das gleiche Spiel: Fauchen und Knurren beim Anleinen, Raustragen, die Leine um die Kastanie wickeln, an der Kastanie pinkeln, im Park spazieren gehen, Entenanfauchen und Anknurren im Park, Fauchen und Knurren beim Reintragen.

Ich verstand die Welt nicht mehr und fragte mich, ob ich wirklich alles so gut übersetzt hatte. Aber so ist das manchmal. Mitteilungen des Chefs an das Personal sind nicht immer so eindeutig, wie man vermutet. Hauptsächlich, wenn die Rollen nicht abschließend geklärt sind, wird es zunehmend kompliziert.

Fortsetzung folgt.

Teil 2 der Geschichte haben u.a. inspiriert: Nimrouz, Schmitz’ Katze, modrow und Metzeral Cristaline.

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Kein Kater, aber Katzenjammer…

23 November 2008 · Kommentar schreiben

Nein, es war kein Kater, der den Kopfschmerz verursacht hatte. Es war schlicht eine Samstag-Abend-Blitzgrippe mit Katzenjammer. So kam es, dass ich am Sonntag dann mit Fieber fast den ganzen Tag im Bett lag und erst gegen Abend etwas aufgewacht bin. Die Geburtstagsfeier meines Liebsten musste ohne mich stattfinden. Das Gute daran war – so ist mir bewußt geworden, wen ich da alles ins Herz geschlossen habe von der illustren Runde, und offenbar auch umgekehrt. Auch eine gute Erkenntnis, die ich vielleicht anders nicht ganz so schnell gewonnen hätte. Außerdem weiß ich nach einigen Stunden im Netz ein wenig mehr über Blogs, und das schadet ganz bestimmt auch nicht. Der zweite Teil von Nimrouz’ Geschichte muss allerdings noch warten.

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Kater

22 November 2008 · Kommentar schreiben

Schon den ganzen Tag Kopfschmerzen. Kann man vom Schreiben über einen Kater einen Kater bekommen? Vielleicht sollte ich mal auf der Straße nachsehen, ob es nicht wieder ein paar herzlose Menschen gab. Aber dazu kam ich bisher nicht. Zu sehr hielten mich die letzten Leben des Käpt’n Blaubär in Schach. Die Luxusversion – das Hörbuch, gelesen von Dirk Bach. Ich kann mir im Moment nichts Gemütlicheres und Erstrebenswerteres vorstellen als eingewickelt in eine orange Fleecedecke, mit einer Kanne nach Zimt duftendem Tee, in ein überwältigendes Universum von fremdartigen Wesen einzutauchen und ihren Abenteuern zu folgen. Leider breitet Blaubär über die restlichen 13 1/2 Leben den Mantel des Schweigens, wie er sagt. Es hilft nichts. Irgendwann hört die beste Geschichte wieder auf und es heißt, sich aus der Decke zu schälen. Also ab nach draußen.

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Nimrouz’ Geschichte, Teil 1

21 November 2008 · 4 Kommentare

Fast jeder, der diesen Namen zum ersten Mal las oder hörte, fragte mich, was es damit auf sich hat. Mein erster Eintrag in meinem ersten Blog soll diese Frage beantworten.

Nimrouz war ein Kater. Ein ganz und gar nicht ausgewachsener Kater von etwa sechs Wochen und sieben Tagen, der eines Mittwochs plötzlich und unvermittelt, als ich von der Arbeit nach Hause kam, in meiner Küche in Tours herumlief und herzzerreißend miaute. Ich war außer mir. „Was soll das?“, fragte ich feindselig. Zum Glück hatten mein damaliger Freund und ich ein paar Tage zuvor beschlossen, dass eine Katze nicht ins Haus kommt. Wir waren nicht etwa tierfeindlich, nein, wir waren schlicht ängstlich und verantwortungsbewusst. Denn unser Haus war eine kleine Mietwohnung, gelegen mitten in der Stadt an einer verkehrsreichen Straße.
Mein Freund behauptete, dass ihn dieser Kater auf der Straße gebeten habe, ihn mitzunehmen und er nicht ohne ihn habe weggehen können. Grau getigert und namenlos war er. Ob herren- oder damenlos, ließ sich in dieser Minute nicht zweifelsfrei feststellen. Aus unseren früheren Katzenbeobachtungen schlossen wir, dass er Hunger hatte. Milch hatten wir im Kühlschrank und die Marke Whiskas kannte ich aus dem Fernsehen.
Nachdem seine (und unsere) Grundbedürfnisse gestillt waren, machten wir uns mitfühlend auf die Suche nach der sicher sehr unglücklichen Person, die ihn vermisste. Wir schrieben mit der Hand (einen PC gab es in unserem Haushalt noch nicht) an die zwanzig Aushänge und bedachten damit die Bäckerin, den Fleischer, den Tabakladen, unsere Lieblingskneipe, die vereinzelten Bäume, die im Viertel zu finden waren und die Straßenlaternen. Als wir vom Aushängen erschöpft nach Hause kamen, verschaffte sich in mir sogleich die unangenehme Vorstellung Raum, dass die unglückliche Person den Zettel sehen und anrufen könnte. Denn selbstverständlich wollte ich den Tiger nicht mehr hergeben.
Etwa hundersiebenundsechzig Stunden waren verstrichen. Das Telefon blieb stumm. Keiner von uns wagte es, dem anderen seine geheime Freude mitzuteilen. Deshalb regten wir uns fünf Minuten lang fürchterlich über diese herzlosen Menschen auf, die hungernde, frierende, mutterseelenalleine kleine Katzen mitten in der Stadt ihrem Schicksal überließen – dann gingen wir nahtlos zur Namensfindung über. Der Name sollte schön klingen, auf deutsch und auf französisch, er sollte zu unserem Kater passen, anders als alle anderen Katzennamen sein, angenehme Assoziationen wecken und wie ein anständiger Name aus zwei Silben bestehen – ein RUFname eben. Namen wie Pellpemperemm Papriani Parmisani, Knut-Alexander, Schorschdabbeljuuh, Minou oder troosme-priadour erfüllten jeweils nur eines der Kriterien, höchstens aber zwei. So kamen wir nicht weiter. Mein Freund schlug das Lokalblatt auf – er wählte die Seite, auf der die Ergebnisse des Pferdesports stehen. Damit kannte er sich aus. Pferdebesitzer sind phantasievolle Menschen, das begriff ich schnell. Oz le Magicien hießen da die Pferde, Octopus oder Unico Limburgia – was für ein Universum. Und plötzlich war er da, der Name leuchtete uns förmlich entgegen. Er erfüllte nicht nur alle anderen Kriterien, sondern noch ein weiteres: Er erschien uns voller Wortwitz. NIMROUZ. Kichern. DAS wars! NIIIMROUUUUZZZ. (Für alle Nichtfrankophonen: Es ist wichtig, das „z“ hinten wie ein langes, stimmhaftes „s“ auszusprechen, das ist Teil des Zaubers). Wir waren uns sicher – nie zuvor hatte ein Kater diesen Namen getragen, klangvoll und erlesen, an Gewürzstände eines orientalischen Basars erinnernd. Nimrouz war adoptiert.
Ein wesentliches Kriterium hatten wir vergessen: Der Name musste alltagstauglich sein. Fast scheint es überflüssig, dies zu erwähnen, aber nach ein paar Tagen schon war aus dem Zungenbrecher Nimrouz ein Spitzname geworden, und zwar Nimel (sprich: niemel). Wir brauchten schließlich den richtigen Namen noch für die Fälle, in denen Autorität gefragt war.

Dass Nimrouz heute eine Provinz in Afghanistan ist, erfuhr ich erst Jahre später, im Zeitalter des Internets, als ich in einer nostalgischen Stimmung Google nach „nimrouz“ befragte. Seltsam und befremdlich wirkte es, lange nach dem Tod des Katerchens diese Gegend über Google Earth zu besuchen. Andere Quellen berichten, dass im alten Persien, zu Zeiten Zarathustras, das Wort „Nimrouz“ so etwas wie „Meridian“ bedeutete. An diesem Ort ging an den kürzesten Tagen im Osten die Sonne auf und an den längsten Tagen im Westen unter, und zwar gleichzeitig. Mit anderen Worten, eine sehr alte Datumsgrenze, lange bevor Greenwich eingeführt wurde. Wie das genau funktioniert, weiß ich noch nicht, aber das wird dann eine andere Geschichte.
Für alle, die ihn näher kannten, ist es kein Geheimnis: Mit diesem Kater fingen andere Zeiten an.

nimrouz

Nimrouz’ Geschichte haben inspiriert: Nimrouz, Walter Moers, Käpt’n Blaubär, Christine Murillo, Jean-Claude Leguay, Gregoire Oestermann und ihr „baleinié“, Tiercé Magazine, www.schneckensuppe.com, Domaine Terres Blanches 2004, www.haus-der-sprache.de und diverse Google-Fundstellen.

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