Heute bekam ich von einer Kollegin einen Videobeitrag zugespielt, bei dem mündliche Prüfungen zum französischen Abitur (bac) gefilmt wurden.
Dieses Video hat bei mir extrem gegensätzliche Emotionen ausgelöst.
Zum einen einen nicht zu kontrollierenden Lachimpuls. Hier ein paar Kostproben:
Da wird Nero zu einem bösen Griechen, sehr brutal, der Radiatorenschlachten organisierte. Galilei wird zu einem berühmten Erfinder, und die junge Dame glaubt gar, dass die Erde sich vor seiner Existenz nicht drehte. Die Frage, wer die Null erfunden habe, beantwortet eine andere junge Frau selbstsicher und kreativ: das habe noch niemand herausfinden können, sie sei aber sehr nützlich wenn sie hinter den Zahlen stehe, davor sei sie nicht sehr sinnvoll. Aber es sei die Ziffer, die es überhaupt erst möglich mache, bis eins zu zählen. Die Prüferin fragt, leicht verwirrt: „Man hätte also bei zwei begonnen?“ „Genau!“ versichert die Expertin. Die Krönung aber war ein junger Mann, der das Sicherheitsproblem in den Städten auf die Unsicherheit zurückführte, den Alkoholismus in ländlichen Gegenden auf den Alkohol, der andererseits aber erst das Wasser trinkbar mache. Woraufhin der Prüfer (verständlicherweise) verkündet, er brauche jetzt eine Pause.
Wollte man das Ganze werten, könnte man sich sicher ereifern, das sei die Generation der „…sucht den Superstar“-Sendungen, man könnte lamentieren, was europäische Bildungssysteme so hervorbringen, aber man könnte auch staunen, wie kreativ manche Abiturienten selbst nach 12 Jahren Schule noch geblieben sind. Und sicher gibt es noch mehr Möglichkeiten der Wertung.
Zum anderen beschlich mich ein unangenehmes Gefühl, als ich das Setting der Prüfung sah: Der Prüfer sitzt hinter einem Tisch, mit Stift und Papier, der Prüfling steht direkt davor. Ich lade meine Leser ein, dieses Setting mal mit einem guten Freund auszuprobieren. Und sich dann als (stehender) Prüfling von einem (hinter einem Tisch sitzenden) Prüfer Fragen zur Allgemeinbildung stellen zu lassen. Ich finde, es lohnt sich, dieses Gefühl zu kennen.
In der dazugehörigen Mail erfahre ich, dass die Prüflinge offensichtlich zugestimmt hätten, gefilmt zu werden. Ob sie das auch getan hätten, wenn sie gewusst hätten, dass sie sich damit für den Spott einer ganzen Nation (und vielleicht sogar über eine Nation?) zur Verfügung stellen?
Heute nachmittag beschäftigte mich dann ein Gedankenexperiment: Ich fragte mich, wie es wohl diesen Prüfern ergehen würde (allesamt etwa zwischen 35 und 55), würde man ihnen die Aufgabe stellen, innerhalb von 30 Minuten ein Buch aus der Karlsruher Unibibliothek auszuleihen – inklusive Anmeldung. Sprachbarrieren seien hier mal für das Gedankenexperiment vernachlässigt. Dieses Beispiel wähle ich deshalb, weil ich heute dort war, um mir einen Ausweis zu besorgen und die Voraussetzungen für die Fernleihe online zu schaffen. Zuerst geht man an einen Schalter (der schon nach zwei Fragen ausfindig gemacht war), gibt seinen Ausweis ab, wird direkt im Sitzen fotografiert (natürlich erklärt man sich damit einverstanden), der Ausweis im Kreditkartenformat wird automatisch erstellt, während eine freundliche Dame das Prozedere erklärt. Tag und Nacht kann man die Bibliothek nutzen, ausleihen, in den Lesesälen arbeiten, sogar Taschen mitnehmen, denn alles funktioniert elektronisch und ist ebenso gesichert. Es gibt auch keine Kasse mehr, an der man Einschreib- und Ausleihgebühren bezahlt, das tut man mit dem Ausweis, der gleichzeitig eine aufladbare Chipkarte ist (wie gut, dass ich das Prinzip der Geldkarte für die Zigarettenautomaten schon kannte). Die Chipkarte lädt man an einer Aufwertstation auf . Das ist ein für meine Begriffe unpraktischer und nicht sehr intuitiver Apparat, der nur Bargeld annimmt und nur über schwer auffindbare Tasten zu bedienen ist. Hat man nun keinen passenden Schein in der Tasche, wird die Angelegenheit schwierig. Es gibt ja keine Kasse im Haus… Hat man jedoch diese Hürde überwunden, geht man zu einer Bezahlstation. Das sind PC (uffz, etwas Vertrautes), die sich in einer Ecke am Fenster verstecken (das finde ich durchdacht: so kann niemand von hinten das Passwort ausspionieren). Hier loggt man sich ein (vorausgesetzt, man kann sich an das Passwort erinnern) und wird gebeten, „geduldig zu warten“. Danach ist der Ausweis freigeschaltet und man kann die neue Welt erobern. Die Rückgabe geliehener Werke funktioniert wie die Pfandflaschenautomaten. Die höheren Weihen der Ausleihe vor Ort zu erkunden habe ich mir für später aufgespart. Jetzt brauchte ich eine Pause. Denn mir wurde auf einmal wirklich bewusst, dass hier „einfach“ Alltagswissen gefordert ist. Ich war froh, dass ich dies ausprobiert habe – und es mag sich seltsam anhören, aber es fühlte sich für mich wie ein Abenteuer an. Denn 1990 hatte ich meine Diplomarbeit noch auf Schreibmaschine tippen lassen, 1998 füllte ich (auch wieder an einer, zugegeben technisch etwas rückständigen Uni) noch Papierformulare zum Ausleihen aus und fluchte über unmögliche Öffnungszeiten der viel zu kleinen Bibliothek. Fernleihe war ein mühseliges Geschäft. Heute begegneten mir dort viele Menschen, die vor ganz kurzer Zeit noch Abiturienten waren. Sie haben mir zwei, drei Mal weiter geholfen. Ich war plötzlich froh, dass ich keine Abiturprüfungen abnehmen muss.
Nun frage ich mich also Folgendes: Sind die Abiturprüflinge nun durchgefallen, weil sie nicht in der Lage sind, sich in so einem komplizierten System einer Bibliothek zurecht zu finden und deshalb die Bücher mit dem erforderlichen Wissen nicht lesen? Oder finden sie es gar nicht so kompliziert, sich in einer vollelektronischen Umgebung zurecht zu finden, haben dafür aber Schwierigkeiten, Lehrervorträge auswendig zu lernen, die ihnen nicht vermitteln können, was Galilei und Alkoholismus mit ihnen zu tun hat? Die digital natives? Ich gebe zu, die Fragen sind etwas polemisch – und ob die Beispiele aus dem Video repräsentativ sind, weiss ich auch nicht. Doch ich finde, es lohnt sich darüber nachzudenken, nach welchen Kriterien und in welcher Form wir künftig das Wissen und Können unserer Jugend messen wollen. Und ob wir es überhaupt noch oder schon können?
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