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Wissen ist Macht…

2 Dezember 2009 · Kommentar schreiben

Heute bekam ich von einer Kollegin einen Videobeitrag zugespielt, bei dem mündliche Prüfungen zum französischen Abitur (bac) gefilmt wurden.

Dieses Video hat bei mir extrem gegensätzliche Emotionen ausgelöst.

Zum einen einen nicht zu kontrollierenden Lachimpuls.  Hier ein paar Kostproben:
Da wird Nero zu einem bösen Griechen, sehr brutal, der Radiatorenschlachten organisierte. Galilei wird zu einem berühmten Erfinder, und die junge Dame glaubt gar, dass die Erde sich vor seiner Existenz nicht drehte. Die Frage, wer die Null erfunden habe, beantwortet eine andere junge Frau selbstsicher und kreativ: das habe noch niemand herausfinden können, sie sei aber sehr nützlich wenn sie hinter den Zahlen stehe, davor sei sie nicht sehr sinnvoll. Aber es sei die Ziffer, die es überhaupt erst möglich mache, bis eins zu zählen. Die Prüferin fragt, leicht verwirrt:  „Man hätte also bei zwei begonnen?“ „Genau!“ versichert die Expertin. Die Krönung aber war ein junger Mann, der das Sicherheitsproblem in den Städten auf die Unsicherheit zurückführte, den Alkoholismus in ländlichen Gegenden auf den Alkohol, der andererseits aber erst das Wasser trinkbar mache. Woraufhin der Prüfer (verständlicherweise) verkündet, er brauche jetzt eine Pause.
Wollte man das Ganze werten, könnte man sich sicher ereifern, das sei die Generation der „…sucht den Superstar“-Sendungen, man könnte lamentieren, was europäische Bildungssysteme so hervorbringen, aber man könnte auch staunen, wie kreativ manche Abiturienten selbst nach 12 Jahren Schule noch geblieben sind. Und sicher gibt es noch mehr Möglichkeiten der Wertung.

Zum anderen  beschlich mich ein unangenehmes Gefühl,  als ich das Setting der Prüfung sah: Der Prüfer sitzt hinter einem Tisch, mit Stift und Papier, der Prüfling steht direkt davor. Ich lade meine Leser ein, dieses Setting mal mit einem guten Freund auszuprobieren.  Und sich dann als (stehender) Prüfling von einem (hinter einem Tisch sitzenden) Prüfer Fragen zur Allgemeinbildung stellen zu lassen. Ich finde, es lohnt sich, dieses Gefühl zu kennen.
In der dazugehörigen Mail erfahre ich, dass die Prüflinge offensichtlich zugestimmt hätten, gefilmt zu werden. Ob sie das auch getan hätten, wenn sie gewusst hätten, dass sie sich damit für den Spott einer ganzen Nation (und vielleicht sogar über eine Nation?) zur Verfügung stellen?

Heute nachmittag beschäftigte mich dann ein Gedankenexperiment: Ich fragte mich, wie es wohl diesen Prüfern ergehen würde (allesamt etwa zwischen 35 und 55), würde man ihnen die Aufgabe stellen, innerhalb von 30 Minuten ein Buch aus der Karlsruher Unibibliothek auszuleihen – inklusive Anmeldung. Sprachbarrieren seien hier mal für das Gedankenexperiment vernachlässigt.  Dieses Beispiel wähle ich deshalb, weil ich heute dort war, um mir einen Ausweis zu besorgen und die Voraussetzungen für die Fernleihe online zu schaffen.  Zuerst geht man an einen Schalter (der schon nach zwei Fragen ausfindig gemacht war), gibt seinen Ausweis ab, wird direkt im Sitzen fotografiert (natürlich erklärt man sich damit einverstanden), der Ausweis im Kreditkartenformat wird automatisch erstellt, während eine freundliche Dame das Prozedere erklärt. Tag und Nacht kann man die Bibliothek nutzen, ausleihen, in den Lesesälen arbeiten, sogar Taschen mitnehmen, denn alles funktioniert elektronisch und ist ebenso gesichert.  Es gibt auch keine Kasse mehr, an der man Einschreib- und Ausleihgebühren bezahlt, das tut man mit dem Ausweis, der gleichzeitig eine aufladbare Chipkarte ist (wie gut, dass ich das Prinzip der Geldkarte für die Zigarettenautomaten schon kannte). Die Chipkarte lädt man an einer Aufwertstation auf . Das ist ein für meine Begriffe unpraktischer und nicht sehr intuitiver Apparat, der nur Bargeld annimmt und nur über schwer auffindbare Tasten zu bedienen ist. Hat man nun keinen passenden Schein in der Tasche, wird die Angelegenheit schwierig. Es gibt ja keine Kasse im Haus… Hat man jedoch diese Hürde überwunden, geht man zu einer Bezahlstation. Das sind PC (uffz, etwas Vertrautes), die sich in einer Ecke am Fenster verstecken (das finde ich durchdacht: so kann niemand von hinten das Passwort ausspionieren). Hier loggt man sich ein (vorausgesetzt, man kann sich an das Passwort erinnern) und wird gebeten, „geduldig zu warten“.  Danach ist der Ausweis freigeschaltet und man kann die neue Welt erobern.  Die Rückgabe geliehener Werke funktioniert wie die Pfandflaschenautomaten. Die höheren Weihen der Ausleihe vor Ort zu erkunden habe ich mir für später aufgespart. Jetzt brauchte ich eine Pause. Denn mir wurde auf einmal wirklich bewusst, dass hier „einfach“ Alltagswissen gefordert ist.  Ich war froh, dass ich dies ausprobiert habe – und es mag sich seltsam anhören, aber es fühlte sich für mich wie ein Abenteuer an. Denn 1990 hatte ich meine Diplomarbeit noch auf Schreibmaschine tippen lassen, 1998  füllte ich (auch wieder an einer, zugegeben technisch etwas rückständigen Uni) noch Papierformulare zum Ausleihen aus und fluchte über unmögliche Öffnungszeiten der viel zu kleinen Bibliothek. Fernleihe war ein mühseliges Geschäft. Heute begegneten mir dort viele Menschen, die vor ganz kurzer Zeit noch Abiturienten waren. Sie haben mir zwei, drei Mal weiter geholfen.  Ich war plötzlich froh, dass ich keine Abiturprüfungen abnehmen muss.

Nun frage ich mich also Folgendes:  Sind die Abiturprüflinge nun durchgefallen, weil sie nicht in der Lage sind, sich in so einem komplizierten System einer Bibliothek zurecht zu finden und deshalb die Bücher mit dem erforderlichen Wissen nicht lesen? Oder finden sie es gar nicht so kompliziert, sich in einer vollelektronischen Umgebung zurecht zu finden, haben dafür aber Schwierigkeiten, Lehrervorträge auswendig zu lernen, die ihnen nicht vermitteln können, was Galilei und Alkoholismus mit ihnen zu tun hat? Die digital natives? Ich gebe zu, die Fragen sind etwas polemisch – und ob die Beispiele aus dem Video repräsentativ sind, weiss ich auch nicht. Doch ich finde, es lohnt sich darüber nachzudenken, nach welchen Kriterien und in welcher Form wir künftig das Wissen und Können unserer Jugend messen wollen. Und ob wir es überhaupt noch oder schon können?

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Bitte

27 Oktober 2009 · Kommentar schreiben

Bitte

von Hilde Domin

Wir werden eingetaucht
und mit den Wassern der Sintflut gewaschen,
wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut.

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch, verschont zu bleiben,
taugt nicht.

Es taugt die Bitte,
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe.
Dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei,
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden.

Und dass wir aus der Flut,
dass wir aus der Löwengrube
und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem zu uns selbst
entlassen werden.

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Blumento-Pferde: Webpelz

5 Oktober 2009 · Kommentar schreiben

Und schon wieder ist eine neue Rubrik geboren. Die Blumento-Pferde sind ja nichts, was die Artenvielfalt auf der Erde neuerdings bereichert hätte. Sie wurden ja schon vor einer ganzen Weile entdeckt und für mich sind sie so etwas wie eine Familie wunderbarer Synapsen-Sternschnuppen. Jedes Mal, wenn ich ein neues Familienmitglied entdecke, erwacht das Spielkind in mir und hüpft vor Freude. Damit gehöre ich laut Stupipedia zu den etwa 4% (immerhin!) der Bevölkerung, die über diese Sternschnuppen lachen können.

Hier soll also ein Ort entstehen, an dem sich Mitglieder der  Familie Blumento-Pferde treffen und gemeinsam feiern können. Vielleicht findet sich ja dann auch jemand, der die Bilder im Kopf aufs Papier oder den Bildschirm bringen kann. Deshalb freue ich mich schon jetzt auf viele, viele Kommentare, Gastbeiträge, Links von allen meinen Lesern, die zur Familienzusammenführung beitragen möchten :-)

Den Anfang macht der Webpelz, den ich eben beim Flix entdeckte. Delightful :-)

Weiter geht es mit dem oben verlinkten Artikel bei Stupipedia, der sich noch etwas näher mit der Gattung der Blumentopferde beschäftigt als nur Statistiken über die Lachwahrscheinlichkeit zu liefern.  Viel Spaß!

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Irgendeiner

5 Oktober 2009 · Kommentar schreiben

Dieses Gedicht von Heinz Kahlau fand ich in einem Brief von 1985, den mir Claudia schrieb. Leider weiss ich nicht mehr, wer Claudia ist, woher ich sie wohl kenne und was wir zusammen angestellt haben. Auf jeden Fall aber hat mich das Gedicht sehr berührt. Auch heute noch – im Oktober 2009.  Es erinnert mich an Russland.

Ich bin irgendeiner -
aber manchmal
bin ich einer von den Krügen,
in die all die Tränen fließen
aus den Augen dieser Welt.
Manchmal bin ich
eines von den Feuern,
die sich von den Sehnsüchten ernähren
aus den Herzen dieser Welt.
Manchmal bin ich einer von den Mündern,
woraus die Gelächter kommen müssen
auf die Dummheit dieser Welt.

Manchmal bin ich es und spüre,
wie die Tränen in mich rinnen,
wie die Feuer in mir brennen,
wie mich die Gelächter beißen,
und ich sitze schweigend da.
Ausgetrocknet von zu vielen Tränen,
eingefroren von zu vielen Feuern,
narrentraurig von zu viel Gelächter,
lässt mich mein Gesicht allein.

Heinz Kahlau

Ich konnte allerdings nicht umhin, eine dritte Strophe dazu zu schreiben.  Eine, die mich an Spanien erinnert.  Heinz Kahlau möge mir diese Sehnsucht nach Ausgleich verzeihen. Das musste jetzt einfach sein. Ich bin alles davon. Manchmal.

Manchmal bin ich es und spüre
wie die Tränen aus mir fließen
wie die Feuer Dreck verbrennen
wie Gelächter mich erholen
und ich sage einen Satz.
Gut genährt von vielen Tränen,
Gut gewärmt von vielen Feuern,
leicht geworden von all dem Gelächter,
zeig ich mein Gesicht der Welt.

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Angefangene Entwürfe

4 Oktober 2009 · Kommentar schreiben

Am 1.7. 1987 schrieb mir Madeleine, dass sie während der Zugfahrt einen  Schmied kennen gelernt hat. Sie hatte vorher gedacht, dass das noch so richtig mit Hammer und Amboss funktioniere wie im Märchenfilm. Aber nein. Sogar die hätten schon ihre Maschinen…. Am Ende des Briefes stand ein Spruch eines unbekannten Autors, den sie „mankt dem Briefpapier“ fand:  „Unser Leben ist wie das Atelier eines Künstlers : voller angefangener Entwürfe.“

Nie wird mir das deutlicher bewusst als in jenen Momenten, in denen irgendwo aus der Versenkung alte Briefe oder Fotos auftauchen, manchmal von längst vergessenen Orten und Menschen. Mit sehr vielen teilte ich über Jahre hinweg schreibend meinen Alltag. Sie wohnten in Kasernen, Studentenwohnheimen, eigenen Zimmern und manchmal im Zimmer unterm Dach. Die Wände befanden sich zum Beispiel in Kamenz, Spechtberg, Prenzlau, Vilnius, Kaunas, Liberec, Baku, Rostow am Don, Mexiko, Bamako, Prag, Lodz, Berlin, Leipzig, Neubrandenburg, Charleville-Mezières, Nouzonville, Paris, Abakan, Bukarest, Warnitz und Anklam. Oft änderten sich  Adressen. Auch meine.
Ich entdecke längst vergessene Spitznamen wieder, finde Gedichte, die mir etwas von den Leuten aus dem Land verraten, in dem ich groß geworden bin und das es nicht mehr gibt, lese Zeilen, die mich immer noch berühren (vielleicht sogar mehr als damals), manchmal von Leuten, von denen ich wirklich nicht mehr weiß, wer sie sind und warum sie sich für Übernachtung und Verpflegung bei meinen Eltern bedankten.  Alle, aber auch alle von ihnen haben Spuren hinterlassen.  Gerald Hüther sagt, all das, was wir sind, verdanken wir den Begegnungen mit anderen Menschen.  Welches sind wohl die Spuren, die ich in all diesen Leben hinterlassen habe?

Irgendwann schließen wir dann jeden dieser Entwürfe ab. Vielleicht alle auf einen Schlag, wenn wir mal gehen, vielleicht geht es aber auch anders. Barbara Sher regt dafür das Lebenswerk-Regal an.  Sie schlägt vor, all die angefangenen Entwürfe schön zu verpacken und zu beschriften, mit einer getrockneten Blume oder einer Zeichnung verziert, damit sie uns an all die schönen Dinge erinnern mögen, die wir gelernt und getan haben, vielleicht gerne weiter getan oder weiter gelernt hätten.  Damit sie uns den ganzen prallen Reichtum verdeutlichen, den wir auf unserer bisherigen Reise erworben haben.

Eines weiß ich genau: dieses Füllhorn mit den wunderbaren Briefen und Fotos aus aller Welt gebe ich nie mehr her, solange ich hier auf der Erde bin.  Es gibt immer wieder etwas rückwärts zu verstehen, auch wenn man vorwärts lebt.  Und es gibt immer wieder neue Entwürfe anzufangen. Das macht uns lebendig.

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Von der Schwierigkeit zu schenken

18 August 2009 · Kommentar schreiben

Es gibt manchmal Situationen, in denen es nicht einfach ist, ein wertvolles Geschenk zu machen. Das setzte mir vor ein paar Wochen ganz unerwartet ein Thema vor, mit dem ich nicht gerechnet hatte.

Ich hatte etwas nicht Materielles zu verschenken, das ich aus verschiedenen Gründen nicht selbst annehmen konnte in diesem Moment. Es ließ sich auch nicht verkaufen, das hätte ich auch nicht gewollt.

Ich kenne nun wirklich einige Menschen, denen dieses Geschenk möglicherweise gut tun würde. Es war ein Angebot, bei dem es wichtig war,  dass die / der Beschenkte auch ablehnen konnte. Doch es war wirklich eine heikle Angelegenheit, denn ich wollte es nur denen anbieten, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie sich frei genug fühlen, entweder „Ja“ oder „Nein“ zu sagen, ohne sich verpflichtet zu fühlen.  Als ich mit meinen Gedanken an dieser Stelle angekommen war, wurde es schwierig.  Denn das mit dem „Ja“ und „Nein“ ist ja für die meisten Menschen so eine Sache. Das Geschenk anzubieten erwies sich urplötzlich für mich als ebenso schwierig wie umgekehrt die Vorstellung, es anzunehmen oder abzulehnen. Dürfte ich mich danach frei fühlen, um etwas zu bitten oder würde ich befürchten, die Bitte könnte nur deshalb erfüllt werden, weil ihr dieses Geschenk voraus ging? Ich wollte damit keine „Schuld“ abzahlen, und auch keine aufbauen. Ein Geschenk soll nicht abhängig machen, soll nichts erkaufen und nicht vergiftet sein. Und ich merkte, wie sehr das von beiden Beteiligten abhängt und was für ein Risiko es vielleicht auch darstellen könnte.

Es sollte nichts kaputt machen, weder beim Ja-Sagen noch beim Nein-Sagen. Das schien mir eine große Verantwortung für eine freundschaftliche Beziehung zu sein. Und ich sah, wie sehr Schenken mit Vertrauen zu tun hat. Eine schwierige,  wundervolle Herausforderung.

Ich habe jemanden gefunden, dem das Geschenk sicher gut tut und der / die auch „Ja“ gesagt hat. Aber ich weiß, er / sie hat es bisher noch nicht eingelöst. Warum wohl…?

Ist es Drängeln, nachzufragen? Oder muss das einfach reifen? Ist das überhaupt noch meine Angelegenheit? Denn wenn ich zum Beispiel ein Buch verschenke, frage ich prinzipiell auch nie nach, ob es gefallen hat.  Es ist eben ein Geschenk, und damit kann ja der Beschenkte machen was er möchte. Das mache ich schließlich auch.  Denn selbst wenn das Objekt selbst in den Müll fliegt, kann ich immer noch die Geste wertschätzen, dass mir jemand eine Freude machen wollte. Was mir in der Regel auch Freude macht. Aber ich muss deswegen nicht alles bei mir behalten…

Was machst du mit der häßlichen Vase von Tante Erna oder der gehassten CD von deiner Liebsten? Verschenkst du weiter? Wartest du auf das nächste weihnachtliche Horrorwichteln im Kollegenkreis oder hast du eine Gruseltruhe, aus der du hervorholst, wenn Tante Erna zu Besuch kommt? Und was tust du mit wertvollen Dingen – materiell oder nicht materiell, wenn du sie gerade nicht annehmen kannst? Ich bin gespannt…

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Wäsche

17 August 2009 · 10 Kommentare

Nein, hier und heute werde ich nicht über schmutzige Wäsche schreiben, die man in Familie oder in der Öffentlichkeit wäscht. Auch nicht über all die praktischen und psychologischen Vorgänge, die zwischen Ausziehen der getragenen Kleidung und der Behandlung in der Waschmaschine nötig sind. Deren gibt es zu viele, um in einem einzigen Artikel die bunte Vielfalt zu beschreiben, und zu viele Fragen stellen sich dafür: Wer zieht aus? Wo wird ausgezogen? Wird sie nach dem Ausziehen in einen Haufen in einer Ecke des Schlafzimmers befördert oder gleich in den Wäschekorb? Wo steht der Wäschekorb? Sind sich alle unter einem Dach Lebenden einig über dieses Prozedere? Haben alle Menschen, die unter diesem Dach leben, genug Vertrauen in die Person, die sich um die Wäsche kümmert oder gibt es gar aus ihrer Sicht oder wirklich eine Person, die die schmutzige Wäsche nutzt, um heimlich Informationen über den Träger zu sammeln? Oder leidet vielleicht eine Person daran, dass alle anderen die Wäsche nicht in den Wäschekorb transportieren sondern herum liegen lassen? Dass es gar mit den Vereinbarungen nicht klappen mag? Oder dass sie außer der schmutzigen Wäsche nichts vom Leben der anderen Person(en) mitbekommt? Oder dass im Schlafzimmer stets ein Haufen benutzter Wäsche vor sich hin muffelt? Oder wird die Wäsche gar abgeholt und erfährt außerhalb der vier Wände ihre Verwandlung in einen Stapel frisch gebügelter und zusammen gelegter Kleidungsstücke? Und ganz sicher fehlen noch viele Fragen. Nein, ihr merkt sicher auch – das sind zu viele mögliche Antworten für einen Artikel.

Daher soll es mir heute um einen präzisen Moment aus dem Verwandlungszyklus getragener Kleidung gehen. Dieser Moment fällt sehr sehr unterschiedlich aus: Wo und wie hängen Menschen ihre Wäsche auf?

Eine Freundin erzählte mir heute, dass sie es seit jeher liebt und unglaublich berührend findet, volle Wäscheleinen zu betrachten und zu beobachten, wie sich T-Shirts, Hemden, Hosen, Unterhosen, Laken und all der Spitzenfummel anderer Menschen im Wind bewegen und somit zur Betrachtung freigegeben sind. Dazu sollte ich erwähnen, dass sie dies auf eine unglaublich respektvolle Art und Weise tut und erzählt – und so inspirierte sie mich, über dieses Thema schreibend nachzudenken.

Eine Zeitlang erlebte sie an einem Ort, an dem sie arbeitete, ein wunderbares Spektakel: Jeden Tag sass sie mit zwei Kollegen zusammen auf der Terrasse, die meistens nach oben guckten, während sie ihre Pausenzigaretten rauchten. Einer sass im weißen Unterhemd da, das schon ein bisschen über seinen Bauch spannte, und guckte schelmisch vor sich hin.  Dann spekulierten die zwei über die Farbe des nächsten Tages. Ein paar Tage lang verstand sie diese Gespräche nicht, bis sie dann nach oben sah: eine Frau im ersten Stock hängte regelmäßig ihre Dessous auf eine Leine, die quer über den Hof gespannt war. Meistens war das hübscher Fummel, schwarz, rot oder eine andere Farbe. Sie muss im Besitz wundervoller Rundungen gewesen sein, denn es handelte sich um recht beachtliche Größen, die da herum flatterten. Meine Freundin fand diese Szenen sehr erheiternd und berührend -  die Dame bekam sie nie zu Gesicht.

Was erfährt man über Menschen anhand ihrer trocknenden Wäsche? Bekommen andere Menschen auf der Leine deine Dessous / Unterhosen zu Gesicht oder hängst du immer die Laken oder anderen großen Wäschestücke davor? Gibt es ein System, nach dem du die Wäschestücke nacheinander auf der Leine platzierst? Hattest du schon Auseinandersetzungen mit deinem / deiner Liebsten darüber? Machst du es wie deine Mutter früher oder extra genau anders? Klammerst du die Unterhosen mit zwei Klammern oder mit einer an? Klammerst du die Pullover am unteren Rand an oder in der Mitte? Klammerst du überhaupt Wäsche an oder benutzt du vielleicht einen Trockner oder ein Gestell, das in der Abstellkammer steht? Machst du dir überhaupt Gedanken darüber?
Hast du schon einmal völlig versunken in Bastia oder einer italienischen Stadt gestanden und die Wäsche beobachtet, die quer über die Straße gespannt ist? Hast du auch schon einmal überlegt, wem diese Wäsche gehören mag? Findest du das peinlich oder bist du vielleicht auch berührt, wenn Menschen ihre intimsten Stücke zur Betrachtung freigeben? Hast du schon einmal diese eigentümlichen, flatternden Bewegungen von Wäsche im Wind beobachtet? Wie sie eigentlich wegfliegen will und doch bleiben muss, weil sie angeklammert ist?

P.S. am 19. August: Hier ist noch eine kleine Zusammenstellung, was andere Menschen so zu dem Thema posten. Viel Spaß bei Schönem, Skurrilem, Berührendem.

Karl Demetz
Fräulein Klein mit der weißen Wäsche
Nordlichter4 mit Wäsche in Venedig
Inside USA
Urbanistiques mit Luft und Wäsche (und meiner Frage, wie das zu trennen ist?)
Windrose aus Neufundland
der Gruppe „Farbenpracht
Alice mit ihrer Wäscheleine im Regen
larazena mit der Wäsche aus Genova
Sebastian Dosch mit einer Anwaltsstory über Wäsche
Aoea mit einem Blick zu den Nachbarn von gegenüber und schließlich
enibas mit einem charmanten Wäscheklammerntick

Wer weiß mehr?

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