An diesem denkwürdigen Tag kann sich wohl kaum jemand dem Thema Mauer entziehen…. Ein paar Tage lang habe ich es probiert, und doch immer wieder daran gedacht. Wie würde ich mich wohl fühlen, 20 Jahre danach?
Für mich ähnelt der 9. November 2009 dem 9. November 1989 auf eine merkwürdige Art und Weise. Vor 20 Jahren stand ich kurz vor dem Abschluss meines Studiums, saß in meinem Studierzimmer im Studentenwohnheim. Heute sitze ich in meinem „Studierzimmer“ in meiner Wohnung. An das Wetter vor 20 Jahren erinnere ich mich nicht, heute regnet es. Alltag im November. Unspektakulär, auf den ersten Blick und rein äußerlich. Das hat etwas Beruhigendes. Und doch – das Spektakuläre ist ein Teil davon.
9. November 1989: Das Studentenwohnheim, in dem ich mein Zimmer hatte, stand in Greifswald. Ich war 22 und litt an Enge. An dieser kleinen Stadt, diesem kleinen Land, diesem kleinen Zimmer und dem kleinen Geist meiner Umgebung. Unstillbares Fernweh und Zerrissenheit prägten meinen inneren Zustand. Mein Bruder war mitsamt seiner Familie inklusive meiner Lieblingsnichte ein paar Monate zuvor nach Westberlin ausgereist. Ein Großteil meiner Freunde und meiner Seele waren in Russland gebließen und genossen die unendliche Weite dieses Landes. Andere Freunde lebten in Frankreich und ich musste sie jeden Sommer an der Grenze wieder „abgeben“. Meine Perspektiven erschienen mir düster und das Dilemma schier unlösbar: würde ich mein Studium beenden, müsste ich mein Leben lang hier als Lehrerin arbeiten und die Sprachen der Länder unterrichten, die ich zwar liebte, die mir aber dennoch unerreichbar schienen. Denn ich würde sie entweder nie (Frankreich) oder nie mehr ausgiebiger als einen Urlaub lang (Russland) bereisen. Kuba und Afrika waren weiter weg denn je. Würde ich das Studium schmeißen, müsste ich ohne Abschluss ein Leben lang Etiketten kleben oder gar einen noch verhassteren Beruf ergreifen. Vor allem daher rührte das Gefühl, eingesperrt zu sein. Natürlich brodelte es mächtig um uns herum, wenn wir auch in der verträumten Hansestadt nur am Rande von den politischen Wallungen der Hauptstädte Berlin und Leipzig mitbekamen. Doch diese Diskussionen und eine Menge Rotwein waren das Einzige, was uns am Brodeln und Brennen hielt.
Es war Donnerstag Abend, ich hatte das Radio eingeschaltet, um später die „Musikalische Luftfracht“ zu hören. Sehnsuchtsvoll schrieb ich gerade einen Brief an eine Freundin in Frankreich und schwelgte in Fantasien, wie schön es doch wäre, wenn… Und dann kam die Nachricht. An den dicken Strich, den meine Hand vor Schreck quer übers Papier zog, erinnere ich mich noch heute. Ich ließ den Stift fallen und rannte in ein Nachbarzimmer. Habt ihr das gehört? Kann das sein? Was unmittelbar danach passierte, entzieht sich meiner Erinnerung. „Retrograde Amnesie“ nennen das die Fachleute. Erst nach zwei Wochen fuhr ich mit meinen Eltern zusammen nach Westberlin. Wir besuchten eine Bank, den Ku’damm und meinen Bruder mit seiner Familie. Noch heute kann ich mich nicht genau erinnern, was ich in diesen zwei Novemberwochen gemacht habe. Es war wie ein Rausch aus zweiter Hand, eine Mischung aus Freude, Betäubung und Staunen. Die Fassung war verloren gegangen. Allen. Ich vermute, ich habe meine erste Frankreich-Reise geplant, pausenlos ferngesehen und gefeiert. Vermutlich hatte ich auch Nackenschmerzen vom vielen Kopfschütteln vor lauter Ungläubigkeit. Eines aber wusste ich sofort: dass ich nun eine wunderbare Motivation hatte, das Studium zu beenden. Denn ich würde unter gar keinen Umständen den Job als Französischlehrerin antreten, ohne jemals in Frankreich gewesen zu sein. Und dort würde ich meinen Uniabschluss gut brauchen können. Die Enge hatte ein Ende. Glaubte ich.
9. November 2009. Ich sitze in meinem Arbeitszimmer zu Hause, und das befindet sich derzeit in Karlsruhe. Ich bereite mich auf eine Prüfung vor, stecke die Nase in Bücher und Ordner und murmele meine Erkenntnisse vor mich hin, damit sie auch bitteschön im Kopf drin bleiben. Draußen regnet’s, ich habe keine Lust, einkaufen zu gehen, statt dessen widme ich ein paar Minuten diesem Jahrestag. Eigentlich unspektakulär. Doch wenn ich an die vergangenen 20 Jahre denke, dann weicht das Unspektakuläre einem großen Staunen. In dieser Zeit bin ich gereist, habe lange in Frankreich gelebt, einige sehr unterschiedliche Jobs in unterschiedlichen Branchen und Kulturen ausprobiert, mein Traumstudium abgeschlossen, in einen neuen und anderen Beruf hineingewachsen, in verschiedenen Beziehungen gelebt, bin dabei etwa 15 Mal umgezogen. Es gab von allem viel: viel Abenteuer, viel Langeweile, viel Freude, viel Trauer, viel Armut, viel Reichtum, viele Freunde, viele Feinde, viel Geborgenheit, viel Zerrissensein, viel Angst und viel Liebe, viel Fremdes, viel Vertrautes, viel Fernweh, viel Heimweh. Viele Wessis, viele Ossis, viele andere Weltenbürger und irgendwann auch das Gefühl: Jetzt hab ich mich einigermaßen sortiert. Vor 20 Jahren hatte die äußere Enge mit dem Mauerfall für mich ein Ende. Die inneren Mauern allerdings ließen sich nicht so schnell einreißen. Manchmal sind die Träume so groß, dass alle Mauern unüberwindlich erscheinen. Und aufgeben mag man sie dennoch nicht, weil es das ist, was uns lebendig hält. Doch wenn man lange Jahre gelernt hat, dass vor jedem Traum eine große Mauer liegt, dann hat das Auswirkungen. Ich musste erst neu lernen, wie ich selbst Mauern einreißen kann, statt zu warten, dass es jemand für mich tut. In den letzten 20 Jahren habe ich so manchen Traum verwirklicht und mich auf diese Art davon verabschiedet. Denn für jeden Traum, den man verwirklichen will, muss man Mauern einreißen. Dahinter entpuppt sich dann der Traum irgendwann als schnöde Wirklichkeit. Aber auch als schöne Wirklichkeit, mit ganz eigenem Zauber und ganz neuen Träumen und Möglichkeiten. Und das setzt Kräfte frei, und ganz neue Wege. Was macht es dann schon, dass dann hin und wieder ein Stückchen Beton am Straßenrand herumliegt. Doch die Wege sind nun frei. Für einen neuen Beruf und endlich auch den 20 Jahre alten Traum von einer Reise nach Kuba.
Mein altes Mauerstück werde ich mir als Erinnerung ins Arbeitszimmer legen. Heute noch.


