Spurensuche

am Ufer unter mir
ein Steg – der Fluss trägt immer
Wasser ins Meer.

Von Teekesselchen und Blumentopferden…

Schon viel zu lange gab es hier auf Hagebuttensenf nichts mehr zu lesen. Über das Wieso und Warum ergehe ich mich an dieser Stelle nicht, nun bin ich wieder da. Und das verdanke ich dem außerordentlich inspirierenden Blog von Alexandra Kleijn über unsere Nachbarsprache Niederländisch, und insbesondere einem Artikel über Teekesselchen, Bommeldingen und Blumentopferden, die ja bekanntlich zu meinen liebsten Steckenebendiesen gehören. Und ich beschloss, die Hürde zu überwinden und mich wieder zu Worte zu melden. Danke für diese Inspiration an die Siegerin der Frauen-Blog-WM 2011!

Sechs kleine Glücksmomente rund um einen Frisörtermin

1. Unmöglich, so vor die Tür zu gehen. Mit flamingofarbener Pampe auf dem Kopf sehe ich aus wie irgendwas zwischen Pumuckl und Macky. Schleiche ich mich für eine Zigarette in die winzige Küche bei meinem Frisör. Hier läuft die Waschmaschine, die Haarfarbe in der Schale auf der Spüle verändert sich zusehends von flamingo in dunkellila (so muss es gerade auf meinem Kopf auch aussehen, ich hoffe wie jedesmal, dass das nicht so bleibt), ein paar gebrauchte Tassen stehen herum, der Geburtstagskalender ist mit Tesa an die Tür geklebt. Hier und da eine Handtasche, Farbenkataloge, Tüten mit belegten Brötchen, Feuerzeuge. Alle kommen hin und wieder mal her zum Durchatmen. Erfrischendes Chaos hinter den Kulissen. Ich darf dabei sein und genieße das unverbindliche und doch herzliche Gespräch über dies und das. Der Ton ist hier ein klein wenig anders als „draußen“ im Salon. Einen winzigen Tick entspannter.

2. Das Buch auf dem Brettchen vor dem Spiegel wirkt. Niemand bringt mir unaufgefordert „was zu lesen“. Das Buch liegt da gut. Es hat seine Funktion erfüllt – ich kann in aller Ruhe hören und sehen.

3. Die Pampe wird ausgewaschen. Diese Kopfmassage ist das Allerschönste, jedes Mal. Ich schließe die Augen, genieße das Kribbeln bis in die Füße. Diese Menschen lieben ihren Beruf. Das ist ansteckend.

4. Der leicht verwunderte Kommentar meines Frisörs: „Dein Blick ist so anders als sonst.“ Ich grinse in mich hinein. Vergesse leider zu fragen, was genau anders ist. Die Neugier war dem Wohlgefühl in diesem Moment gewichen.

5. Ich strahle in den Spiegel. Habe wieder eine Frisur, die diesen Namen verdient. Das „vergessene Schaf“ ist Vergangenheit.

6. Heimweg per pedes – ein Mittagsspaziergang, durch einen kleinen Park zwischen den Häuserzeilen. Ein kurzer Mensch (vielleicht anderthalb oder zwei Jahre alt) mit einer gigantischen Ausstrahlung läuft 50 Meter vor mir über den Weg. Allein. Steht dann unter einer Pergola und brüllt: „Ball! Ball! Ball!“ oder ist es „kalt! kalt! kalt!“? Ich frage mich, ob er da wohl ganz allein ist, doch dann höre ich eine etwas ältere Stimme antworten. Als ich näher komme, sehe ich das konzentrierte Gesicht, und mit einer unfassbaren Ernsthaftigkeit schaut er mir direkt in die Augen, zeigt mit der linken Hand auf mich und brüllt: „Paul! Paul! Paul!“ Dann lacht er. Ich auch. Wir strahlen uns an, winken uns zu, und ich kicher noch zehn Minuten lang vor mich hin. Mit und ohne Grund.

 

Jeder Mensch ist ein Künstler

Lass Dich fallen. Lerne Schlangen zu beobachten.
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die ja sagen
und verteile sie überall in Deinem Haus.

Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue Dich auf Träume.
Weine bei Kinofilmen,
schaukle so hoch Du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht.

Pflege verschiedene Stimmungen,
verweigere Dich, verantwortlich zu sein – tu es aus Liebe!
Mache eine Menge Nickerchen.
Gib Geld weiter. Mach es jetzt. Das Geld wird folgen.
Glaube an Zauberei, lache eine Menge.
Bade im Mondschein.

Träume wilde, phantasievolle Träume.
Zeichne auf die Wände.
Lies jeden Tag.
Stell Dir vor, Du wärst verzaubert.
Kichere mit Kindern. Höre alten Leuten zu.
Öffne Dich. Tauche ein. Sei frei. Preise Dich selbst.

Lass die Angst fallen, spiele mit allem.
Unterhalte das Kind in Dir. Du bist unschuldig.
Baue eine Burg aus Decken. Werde nass. Umarme Bäume.
Schreibe Liebesbriefe.

(Joseph Beuys)

Über Bohnen und Löcher in Jackentaschen

Eben las ich eine wundervolle Geschichte. Nein, sie war mir nicht ganz neu – ich hatte sie schon einmal gelesen und mich darüber gefreut. Doch es ist ja so ein Phänomen, dass die kleinen und einfachen Dinge ganz leicht aus dem Gedächtnis herausfallen – wie eine Münze durch ein Loch in der Jackentasche.

Hier ist die Geschichte – ich weiss nicht, wer der Autor ist, wenn es denn überhaupt einen gibt… Wer das weiss, bitte melden, dann füge ich gern die Quelle und / oder einen Link den Namen ein. Gefunden wurde die Geschichte hier (danke an Lise – und hier gibts noch mehr Schönes zu entdecken).

Es war einmal eine sehr alte Frau, die glücklich und zufrieden lebte. Viele Menschen beneideten sie, weil sie eine echte Lebenskünstlerin war.
Die alte Frau verließ niemals ihr Haus ohne eine Handvoll getrocknete,
rote Bohnen mitzunehmen. Sie tat dies nicht etwa, um die Bohnen zu kauen, nein, sie steckte sie einfach in die rechte Tasche ihrer Jacke. Jedes Mal, wenn sie tagsüber etwas Schönes erlebte – den Sonnenaufgang, das Lachen eines Kindes, eine kurze Begegnung, ein gutes Mahl, einen schattigen Platz in der Mittagshitze nahm sie dies ganz bewusst wahr, freute sich darüber von Herzen und ließ eine Bohne von der rechten Tasche in die linke gleiten. War das Erlebnis besonders schön und gar überraschend, wechselten zwei oder drei Bohnen die Seite. Abends saß die alte Frau dann zu Hause und zählte die Bohnen aus der Tasche. Sie zelebrierte dies geradezu und führte sich so vor Augen, wie viel Schönes ihr an diesem Tag widerfahren war. Und auch an einem Abend, an dem sie bloß eine Bohne zählen konnte, war der vergangene Tag ein gelungener Tag – es hatte sich zu leben gelohnt.

Bohnen für die Jackentasche

Bohnen für die Jackentasche (Foto: AM)

Ich finde das sehr nachahmenswert. Nur scheint es mir auch sinnvoll, sich vorher um die Löcher in den Jackentaschen zu kümmern. Mir fällt genau das oft sehr schwer. Die Bohnen gleiten von rechts nach links, und dann gleich rein ins Loch. Oft kann ich mich schon abends nicht mehr daran erinnern. Irgendwohin verschwinden die kleinen Erinnerungen.
Mir ging eben auf, dass es wenig nützt, im türkischen Supermarkt günstig zehn Kilo Bohnen zu kaufen. Ich werde mich besser um die Löcher kümmern. Meine Mutter hatte doch Recht. Manchmal ist es hilfreich, Nadel und Faden zur Hand zu haben.

Allen Lesern wünsche ich schöne Weihnachten – und wem es so geht wie mir, dem wünsche ich dazu eine heiße Nadel und einen langen Faden – für einen löcherfreien Start ins neue Jahr – mit Aufbrüchen statt Vorsätzen.

Manchmal…

Manchmal triffst du
einen Menschen
Auge in Auge,
der dich nicht
liegen läßt.
Wenn er ruft:
„Steh auf!“
kannst du nicht anders.
Du stehst auf
auch wenn du
liegenbleiben willst,
müde und tot.
Seine Stimme geht dir
unter die Haut,
läßt dich tanzen,
hebt dich in die Luft,
auch wenn du fliehen willst,
voll Angst und Furcht.
Seine Nähe
gibt dir Vertrauen.
Lauf,
wenn du ihn triffst!
Du läufst ihm
mitten in die Arme.

W. Bruners

Das Leben der Worte

Zuerst möchte ich zu einem kleinen Experiment anregen, das der eine oder andere vielleicht aus eigener Erfahrung kennt. Nimm ein Wort, ein beliebiges, und wiederhole es fünf Minuten lang – laut oder leise. Nimm Tempo auf, es muss schnell hintereinander sein. Noch eine Warnung: es sollte ein unschuldiges Wort sein, das keine große Bedeutung hat für dich. Es mag „Papier“ sein, oder „Mineralsalze“ oder „Diät“, „Laptop“, „Lampe“, „Zeitung“ oder „Wasserglas“, „Kopfsteinpflaster“  oder „Diagramm“.

Mir passierte dieses Experiment einmal unfreiwillig in einer Prüfung vor langer Zeit – der Prüfer stellte eine Frage, doch ich hatte nur noch das letzte Wort der Frage im Ohr. Es hallte und hallte und hallte, immer wieder nur dieses eine Wort, ich musste es wiederholen, in einer Blockade gefangen, bis jeglicher Sinn verschwunden war. So geht das im Negativen.

Irgendwann dieser Tage fiel mir in diesem Zustand von Halbschlaf, kurz vor dem Aufwachen auf, dass Worte, wenn wir immer die gleichen lesen und verwenden, ihre Substanz verlieren. Ihre Lebenskraft, ihren Saft, das, was die Spanier „sabor“ nennen. Sie werden fade, sperrig, magern ab und verhungern schließlich, wenn sie keine Nahrung bekommen. Was aber können wir Worten als Nahrung anbieten? Können wir verhungerte Worte wieder zum Leben erwecken?

Ich glaube, dass es geht. Mit gelebtem und gefühltem Leben. Nur so können wir sie nähren. Wir müssen das Leben hinter den Worten suchen gehen und finden in der Welt draußen. Und dann ist es manchmal sogar so, dass wir einen Text, den wir schon hundertmal gelesen haben, wieder entdecken und die Worte plötzlich Fleisch an die Knochen bekommen, füllig werden und rosig, aufblühen und in voller Bedeutung strahlen. Hier ein paar Beispiele: verwandeln, Hagebutte, Begeisterung, Inspiration, Bewegung, Garten, Boden, Draht, Mitteilung, Brief, Entwicklung, Rose, Ozean, Duft, Liebe.

Das geht aber auch umgekehrt: manche Worte begleiten uns wie diese Art von Hunden, die einem in südlichen Ländern hinterherlaufen und die man nicht los wird… Vielleicht geht es darum, ihnen nicht alle hundert Meter ein Leckerli zuzuwerfen… Auch hier ein paar Beispiele: Druck, Anspannung, Stuttgart 21, Agenda, Krise, Mangel, fremd, Intoleranz, falsch, richtig, dumm, Unterschicht.

Vielleicht ist es möglich, diesen Worten die Nahrung zu entziehen. Aber wie geht das? Sie nicht mehr leben? Aber wie? Aufregen darüber hilft wohl wenig…

So mag ich also anregen (mich und vielleicht auch andere): Worte, die uns auffallen, aufregen, anregen, berühren, alle diese auf einen Zettel zu schreiben und diese Zettel in zwei Kisten zu verteilen. Die eine mit der Aufschrift: „Nähren“, die andere mit der Aufschrift „Wiederholen“ (wie im obigen Experiment).

Jeder wird für sich entscheiden müssen, welcher Zettel wohin gehört….